Bilder, die wie offene Wunden bluten – Der frühere Wiener Aktionist Adolf Frohner im Dortmunder Harenberg-Haus

Von Bernd Berke

Dortmund. Seltsam, einen „Wiener Aktionisten“ stellt man sich anders vor: Prof. Adolf Frohner war in den frühen 60er Jahren als „Mittäter“ dabei, als Otto Mühl, Hermann Nitsch & Co. mit wüsten Kunst-Exzessen schockierten. Wenn Frohner jetzt in Dortmund seine Bilder erläutert, ist von jener Wildheit, die zwecks psychischer Entgrenzung alle, aber auch wirklich alle Körpersäfte öffentlich fließen ließ, kaum ein Rinnsal zu ahnen.

Keineswegs mit messianischem Eifer, sondern mit milder Ironie spricht Frohner (62) heute über seine Kunst. Doch die hat es, auch wenn der Österreicher sich früh von den blutigen Ritualen der Aktionisten abgewandt hat, eben doch „in sich“. Wenn man jetzt etwa ins Tiefgeschoß des Harenberg City-Centers kommt, meint man, einem Blutbad beizuwohnen – nur daß es nicht mit Körpern auf einer Bühne, sondern mit Frohners Vorzugsfarbe Rot auf Leinwänden angerichtet ist.

Über 100 großformatige Arbeiten sind in dieser wahrhaft museumsreifen Schau zu sehen. Sie ergeben in der Summe eine geradezu betäubende Ballung von Expressivität.

Frohner, dem der Aktionismus alsbald unheimlich geworden ist, weil sich Kollegen bis in Scharlatanerie oder gar in Selbstverstümmelung treiben ließen, hat jene frühen Jahre wie eine „Mutprobe“ erfahren. All diese Orgien, Mysterien und polizeilichen Nachstellungen unbeschadet überstanden zu haben, das hat ihn gefeit: „Mir kann nichts mehr passieren“, sagt er.

Ein Bild von 1985 heißt „Wieder Malerei“, und es gibt der Ausstellung den programmatischen Titel. In der Tat: Entschiedener ist selten gemalt worden. Biblische und mythologische Szenen (Adam und Eva, Kain und Abel, Ikarus, Das Urteil des Paris) muß man vielfach aus einem allseitigen Aufschäumen und Aufspritzen der Farben „herauslesen“. Doch dann findet man, daß diese Farbstürze kein haltloses Sich-Ausleben bedeuten, sondern den angemessenen Ausdruck des Leidens. Bilder als Wunden.

Wenn Adam und Eva aus dem Paradiese vertrieben werden, so läßt sich dies nicht mit pusseliger Feinmalerei erfassen. Auch nicht das brünstige Brüllen des Sexus oder Ausbrüche von Gewalt. Frohner bearbeitet zum Teil sehr originelle Bildträger. So gibt es jene Reihe von beidseitig bemalten Türen, die dem Künstler zufolge „ideales Menschenmaß“ sowie Doppelgesichtigkeit (öffnen / schließen) repräsentieren. Beispiel: Auf einer Türseite wimmelt es von „vielen Besuchern“, auf der anderen, glotzend leeren Seite, sind diese Figuren „alle weg“. Handfeste Kunst, Witz der hintersinnigen Art.

Auch Paravents, also Wandschirme, die ehedem erotisches Versteckspiel signalisierten, füllt Frohner mit furiosen Ausgeburten seiner Bilderwelt, und zwar jeweils Vor- und Rückfront beider Flügel. Frohner lachend: „Vier Bilder zum Preis von einem…“

Eine Besonderheit auch die Tafel mit Totenköpfen, 1988 als Mahnzeichen zum Jahrestag des 1938 von den Nazis erzwungenen „Anschlusses“ Österreichs entstanden. 50 Jahre, 50 Schädel. Das bildnerische Menetekel diente dem Dichter Erich Fried als Anstoß für die letzten Gedichte vor seinem Tod. So bringt eine Kunst die andere hervor.

Adolf Frohner – „Wieder Malerei“. Harenberg City-Center, Dortmund (Königswall 21). Bis 12. Dezember, tägl. 10-18 Uhr. Katalog 68 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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