In der Studierstube steckt die ganze Welt – Duisburger Ausstellung über den Kartographen Mercator

Von Bernd Berke

Duisburg. Es gab einen Mann in Duisburg, der setzte kaum einmal den Fuß vor die Tore der Stadt – und kannte die Gestalt der Erde doch genauer als jeder Zeitgenosse. Seine Reisen machte er im Kopf.

Mercator war’s, der große Kartograph, der in seiner Werkstatt das Gesicht der Welt so exakt zeichnete wie keiner zuvor. Am 2. Dezember 1594 – vor rund 400 Jahren – ist er in Duisburg gestorben. Jetzt erinnert die Stadt mit einer Ausstellung an den berühmten Bürger.

Eigentlich hieß der 1512 in Rupelmonde (Ostflandern) geborene Mann Gerard Cremer, doch damals war es unter Wissenschaftlern Brauch, sich altsprachliche Namen zu geben. Folglich nannte er sich Mercator (lateinisch für Krämer/ Händler), was ja auch viel würdiger klingt.

Anno 1552 zog er nach Duisburg um, damals Flecken mit 3500 Einwohnern. Doch bald kannte die Fachwelt den Namen des Städtchens, in dem Mercator seine produktivste Zeit verlebte. Hier fertigte er unschätzbar wichtige Karten, Globen und Atlanten. Er verwies das ptolemäische Weltbild endgültig ins Reich der Fabel. Und das Wort „Atlas“ für eine Ansammlung von Landkarten hat er auch geprägt.

In Duisburg sind diese Schöpfungen nun zu sehen: vor allem prachtvolle Weltkugeln (die damals im Doppelpack mit Himmelsgloben verkauft wurden), dazu jene fein ziselierten Pläne mit einer eigens entwickelten Schrift – von der Duisburger Stadtansicht über Karten einzelner Länder und Kontinente bis hin zu den Umrissen der gesamten Erde. Sogar eine herzförmige Weltansicht schuf der kundige Meister. Wahrscheinlich war’s eine Liebeserklärung an seine Frau. Mögliches Motto: Du bist die Welt für mich.

Schönheit der Technik, poetischer Wert

Die Ausstellung präsentiert außerdem kostbare Instrumente wie etwa Astrolabien, die Mercator und seine Söhne selbst hergestellt haben. Auch andere Präzisionsgeräte, die er oder Zunftgenossen benutzt haben, wirken heute so anheimelnd, daß man sich in eine damalige Studierstube zurücksehnen könnte. So schön hat Technik einmal sein können!

Die liebevolle Ausgestaltung der Karten ist Labsal für die Augen. Noch mehr verblüfft aber die relative Genauigkeit, die in der Ausstellung selbst den Vergleich mit Satellitenfotos vom Erdenrund einigermaßen aushält. Mercator hat nämlich nicht mehr viele Fehler gemacht. Dabei hatte man doch überhaupt erst kurz vor seiner Zeit definitiv festgestellt, daß unser Planet eine Kugel ist. Mercator korrespondierte mit vielen Reisenden und Forschern. Er ließ sich allerhand Lagedaten übermitteln.

Das Geschäftsgeheimnis des wohlhabenden Mannes aber war die Mercator-Projektion, mit der der studierte Mathematiker und Philosoph Krümmungslinien in die Fläche übertrug. In Duisburg führt ein Computer bildwirksam vor, wie das funktioniert. Übrigens: Seeleute richten sich im Prinzip noch heute nach Navigationsregeln, die auf Mercator zurückgehen. Noch dazu haben solche alten Karten poetischen Wert. Sie sind mit Wappen und allerlei Figurenbeiwerk aufs Schönste geschmückt, und wir können sie – gerade wegen ihrer Unschärfen – auch als Phantasien einer anderen Welt wahrnehmen.

Gerhard Mercator – Europa und die Welt. Kultur- und Stadthistorisches Museum Duisburg. Johannes-Corputius-Platz (am Innenhaften, Nähe Rathaus). Bis 3. Januar 1995. Di, Do, Sa 10-17 Uhr, Mi 10-16. So 11-17 Uhr. Eintritt 5 DM, Begleitbuch 48 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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