Durch die verstreuten Spuren einer Gedankenwelt gehen – Ulrich Langenbach und Ernst Martin Kolbe stellen in Ahlen aus

Von Bernd Berke

Ahlen. Ganz tapfer sein müssen die Besucher in der neuen Ausstellung des Ahlener Kunstmuseums. Es wird ihnen nämlich keinerlei Erklärung zuteil – nicht einmal durch Bildertitel, bei denen man sich etwas denken könnte. Und das ist pure Absicht.

„Elf versteckte Einzelheiten“ heißt die Schau von Ulrich Langenbach und Ernst Martin Kolbe. Mit dem Titel beginnt der Trugschluß, denn er soll lediglich zum konzentrierten Hinsehen ermuntern. Wie gemein!

Der Siegener Ulrich Langenbach (Jahrgang 1950) ist Autodidakt der freien Kunst, aber längst arriviert. Er verfügt über einen großen Fundus an Objekten und bringt auch viele zum Ort des Geschehens. Doch den Löwenanteil nimmt er wieder mit nach Hause. Wieso? Weil er die Sachen immer wieder anders kombiniert, je nach Raumsituation. Und weil er zwischen den Elementen so große Leerstellen läßt, daß er das meiste Material gar nicht benötigt.

Wären die Teile strikt voneinander isoliert, hätte man’s vielleicht einfacher: Die alten Fotos, kleinen Zeichnungen, Textfetzen und Reliefs sind jedoch so verteilt, daß sie „irgendwie“ zusammengehören. Man fragt sich, ob hier Zufall oder besonders listige Vorsehung waltet. Und wo ist überhaupt die Grenze des Einzelwerks? Irritierend genug: Eins geht ins andere über und besteht doch eigenwillig für sich. Alles ist, was es ist – und will wohl gar nicht mehr bedeuten, als was man sehen kann.

Man geht also mit irrendem Blick im Raum umher. Genau das ist gewollt, es könnte – so Langenbach – zur speziellen Selbst-Erfahrung führen: „Der Betrachter soll den Halt in sich selbst finden.“ Doch auch das ist nur ein Anstoß, keine Deutung. Vielleicht kommt man dem Kern näher, wenn man sich Qualitäten und Zustände (weich gegen hart, offen gegen geschlossen) vergegenwärtigt.

Oder wenn man Langenbachs Texte liest, die zwischen den Einzelteilen stecken. Manches deutet darauf hin, daß er (mit hintersinnigem Witz) auch Kindheitsreste verarbeitet. Da geht es z. B. um Zeichenlehrer oder katholische Erziehung. Eine kleine Box, so verrät Langenbach, hat mit frühen Erfahrungen im Beichtstuhl zu tun. Privatsachen? Jedenfalls sind sie wahrnehmbare Form geworden. Man kann durch die Spuren einer Gedankenwelt gehen. Ist das nichts?

Auf den ersten Blick strenger wirken die Arbeiten von Ernst Martin Kolbe. Auch er reagiert sensibel auf Ausstellungsräume. In Siegen schlief er sogar einmal zwei Nächte am Ort, bevor er sich an den Aufbau machte. Kolbe bezieht auch unscheinbare Details wie etwa Stromsteckdosen mit ein. Daraus entstehen optische Rhythmen, es ergibt sich unterschwelliges Regelmaß.

Bleibt man geduldig, wird man belohnt: Wie gut, daß man nicht gleich versteht. Dann könnte man ja sofort wieder gehen. Solche Rätsel aber halten wach. Denn sie lassen genug zu schauen und zu denken übrig.

Ulrich Langenbach / Ernst Martin Kolbe: „Elf versteckte Einzelheiten“. Kunstmuseum Ahlen, Weststraße 98. Di-Fr 15-18 Uhr, Sa./So. 10-18 Uhr.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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