Von Mäusen und Mördern: Ernst Tollers „Hinkemann“ am Düsseldorfer Schauspielhaus

Selten thematisiert ein Theaterabend mit solcher Wucht die soziale Frage: Zugleich hochemotional und explizit politisch zeigt Ernst Toller in „Hinkemann“, wie die kleinen Leute im Krieg verheizt und beschädigt werden und was diese Versehrungen ihren Seelen antun. Die Koproduktion von Düsseldorfer Schauspielhaus und dem Young Directors Project der Salzburger Festspiele kam jetzt am Rhein heraus – zu Beginn der Intendanz von Günther Beelitz, der für zwei Jahre das Haus leitet und ihm zu neuem Ansehen und besseren Auslastungszahlen verhelfen will.

Auf einer Art Karussellgerüst (Bühne: Sabine Kohlstedt) klettert Hinkemann (Jonas Anders) herum und schreit seine Wut und seine Verzweiflung heraus. Im Krieg ist ihm sein bestes Stück weggeschossen worden und jetzt ist er kein richtiger Mann mehr. Seine Frau Grete (Katharina Schmidt) hält zwar zunächst zu ihm, doch es gelüstet sie doch nach einem Kerl und da wird sie schwach und fällt auf Paul Großhahn (Daniel Christensen) herein, der die Situation schamlos ausnutzt und Eugen Hinkemann brutal verspottet.

Selten sieht man so deutlich, wie eng Not und Niedertracht zusammenliegen wie bei diesem Toller-Stück. Dabei stehen der wortgewaltige und expressive Text und die Schauspieler, die ihn psychologisch genau verkörpern, im Vordergrund. Die Regie von Milos Lolic hält sich zurück und ordnet sich beinahe dem Werk unter; auch die Kostüme von Jelena Miletic erinnern an die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, in der das Drama spielt.

Programmheft von Hinkemann/Schauspielhaus Düsseldorf

Programmheft von Hinkemann/Schauspielhaus Düsseldorf

Anhand von Hinkemanns Not, der auch beruflich schlecht wieder auf die Füße kommt, wird von seinem Umfeld die Arbeiterfrage diskutiert. Sind Sozialismus oder Kommunismus ein Ausweg? Wird in einer besseren Welt der Arbeiter auch seelisch gesund sein oder zählt nur seine Körperkraft? Wie kann er in elenden Verhältnissen seinen Stolz bewahren? Hinkemann fällt das schwer: Für 80 Mark im Monat beißt er Ratten und Mäusen bei lebendigen Leibe den Kopf ab und schämt sich dafür. Doch das Volk will Blut sehen und johlt.

Man denkt an Woyzeck oder Lenz von Büchner, wenn Hinkemanns unerfüllte Sehnsucht nach dem Guten im Menschen in den Wahn abdriftet. Da kommen die Kollegen, da kommt seine Frau nicht mehr mit, das ist ihnen zu weltabgewandt. Hinkemann isoliert sich immer mehr, bis zuletzt die Katastrophe eintritt. Ein starker Abend, der noch länger nachwirkt, obwohl er total aus der Zeit gefallen scheint – doch genau darin liegt seine Kraft.

Karten und Termine:
www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

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