
Nach dem Konzert im Essener Stadtgarten: Komponistin Kristine Tjøgersen (links) und Dirigentin Marie Jacquot. (Foto: Werner Häußner)
Es zirpt und pfeift im Orchester, es raschelt und rauscht. Das tiefe Blech knurrt bedrohlich. Irgendwo in den Instrumenten flirrt eine Folge von Rufen vorbei. Im neuesten Stück der Komponistin Kristine Tjøgersen fühlt man sich in einen Wald versetzt. Ein Wald, der geheimnisvoll wirkt, unheimlich auch. Vielleicht sogar verwunschen.
Zum zweiten Mal nach der Uraufführung in Köln spielt das WDR Sinfonieorchester in der Philharmonie Essen das Orchesterwerk „Wolpertinger“ der Norwegerin. Der Titel wirkt bizarr, denn er bezeichnet ein Fantasiewesen, das kaum jemand gesehen hat – es sei denn in Bayern nach ausgiebigem Gerstensaftgenuss auf dem nächtlichen Heimweg vom Wirtshaus. Dort regen gelegentlich ausgestopfte Wolpertinger, in Glasbehältern im Gasthof ausgestellt, die Imaginationsgabe an. Ob Tjøgersen in Linz, wo sie den Master in Komposition erwarb, entsprechende Erfahrungen gemacht hat, wurde nicht offenbart.
Zum Klingen verholfen hat dem Werk Marie Jacquot: Die Dirigentin hat sich in den letzten zehn Jahren eine Spitzenplatz unter den Frauen am Pult erarbeitet. Kein Marketinglüftchen wehte sie an den Musikhimmel. Sie ging den steinigen, aber soliden Kapellmeisterinnen-Weg: Die Jahre in Würzburg und Düsseldorf führten sie an die Königliche Oper Kopenhagen und zu den Wiener Symphonikern, von denen sie sich im Mai mit Anton Bruckners Siebter und Mendelssohns Violinkonzert als Erste Gastdirigentin verabschiedete. Mit Beginn der nächsten Spielzeit tritt sie als Chefdirigentin beim WDR Sinfonieorchester an.
Feen, Elfen, Kobolde und seltsame Menschen
Mit diesem Klangkörper, plus Damen des NDR Vokalensembles und des WDR Rundfunkchores, gastierte Marie Jacquot in der Essener Philharmonie. Das Programm entführt in unergründliche Wälder, wo Feen, Elfen, Kobolde die Nacht durchstreifen. Aber auch Menschen sind unterwegs, die einander suchen und verzaubert werden. Berühmtestes Beispiel: Felix Mendelssohn Bartholdys Schauspielmusik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“, vom prächtig disponierten Orchester in voller Länge, nur um die Melodramen gekürzt, dargeboten.
Jacquot gibt der Musik Energie, rettet Mendelssohn damit aus der Ecke des weichen Sunnyboys, betont zumal mit vollem Orchester die Dramatik. Die berühmten Streicherfiguren schwirren rhythmisch bewusst durch die Theaternacht; der grobe Tanz der Handwerker trägt bedrohliche Züge. Verbindende Texte sprach Jens Harzer mit dandyhaft nonchalantem Ton.
Der Wald, in den die norwegische Komponistin Kristine Tjøgersen entführt, ist nicht weniger geheimnisvoll: Die Trägerin des Förderpreises Komposition der renommierten Ernst-von-Siemens Musikstiftung entlockt in ihrem brandneuen Stück dem Orchester – darunter allein sieben Perkussionisten – eine erstaunliche Fülle von Naturlauten, vom Vogeltrillern über unheimliches Knurren bis zum Schmatzen aus blattlosen Bläserrohren. Der Klangraum ist weit offen, umfasst tonloses Streicherflageolett und Trommelgewitter mit heulender Windmaschine. Ein faszinierendes Werk jenseits modernen Mainstreams, das tatsächlich „der Natur eine Stimme gibt“, wie die 1982 geborene Komponistin schreibt. Eine der zeitgenössischen Kompositionen, die man gerne wieder hören würde.
Keine Spur vom „bösen Buh“
Shakespeares Feenwald hat auch Henry Purcell inspiriert, dessen „Fairy Queen“ den Abend eröffnete: Eine von Jacquot zusammengestellte Suite von luftigen Tänzen, netten Arietten und zupackenden Hymnen, alles in plastischem Klangbild und rhythmischer Präzision. Das Publikum war bezaubert, von „bösem Buh und Zischen“, wie es der Kobold Puck bei Shakespeare befürchtet, nicht die Spur.
Eine vorzügliche Visitenkarte für Marie Jacquot, die am 18. September ihr Antrittskonzert in Köln dirigiert. Auf dem Programm: Wagners „Lohengrin“-Ouvertüre, das Zweite Klavierkonzert Frédéric Chopins mit Yulianna Avdeeva, Alexander Skrjabins „Poème de l‘ extase“ und „ Andromède“, eine sinfonische Dichtung der Komponistin Augusta Holmès, deren Oper „La montagne noire“ in Dortmund 2024 wiederentdeckt wurde.
In Essen ist Jacquot wieder zu erleben in der WDR Happy Hour am 14. April 2027 mit anderen Zauberstücken: Carl Maria von Webers „Oberon“-Ouvertüre und einer Suite aus Sergej Prokofjews „Cinderella“. Im Konzerthaus Dortmund gastiert sie mit dem WDR Sinfonieorchester und Camille Saint-Saëns‘ „Orgelsinfonie“ mit Iveta Apkalna am 14. Oktober.
Das Konzert zum Nachhören: https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-konzert/marie-jacquot-sommernachtstraeume-122.html?wt_mc=mail.wdr.newsletter.Ihre+Sommernachtstr%C3%A4ume+mit+Marie+Jacquot.link
Weitere Infos: https://www1.wdr.de/orchester-und-chor/sinfonieorchester/index.html