
Antrittskonzert des neuen GMD Aurel Dawidiuk bei den Bochumer Symphonikern. (Foto: Nils Ole Peters)
So viel Adrenalin war selten: Am Ende von Johannes Brahms Erster, als der Beifall im ausverkauften Anneliese Brost Musikforum Ruhr losbricht, löst sich die Spannung. Aurel Dawidiuk, neuer GMD der Bochumer Symphoniker, lächelt beseligt. Da schwingen auch Genugtuung und eine sympathische Portion Stolz mit.
Dazu hat er allen Grund: Sein Antrittskonzert war nicht nur eine Verheißung für Kommendes, sondern vornehmlich eine Erfüllung des Augenblicks. Ein klingendes Zeugnis für die „Liebe auf den ersten Ton“ zwischen den Symphonikern und ihrem neuen Chef, dem mit 25 Jahren jüngsten Bochumer GMD aller Zeiten. „Danach war klar, wir gehen den Weg zusammen. Das war der Wunsch des Orchesters und auch mein Wunsch“, bekräftigt Dawidiuk im Gespräch. Nach dem Konzert, nach der persönlich gehaltenen Begrüßung durch den Bochumer Oberbürgermeister, bedankte sich der junge Dirigent unverkünstelt herzlich bei den Musikerinnen und Musikern. Nicht nur Jörg Lukat ging es – in bestem Ruhrdeutsch – „die Pelle hoch und runter“. Der Beifall zeigte: Auch die Zuhörer überzog die Gänsehaut. Die Welle der Sympathie brauste mächtig durch den Saal.
Ein bisschen Pathos durfte schon sein an diesem spätsommerlichen Bochumer Abend. Im Saal des vor zehn Jahren eröffneten Musikforums erklang die Erste Sinfonie von Johannes Brahms. Eine Musik, die in ihrer Mischung aus intellektueller Konstruktion und sinnlicher Leidenschaft, aus sinfonischer Innovation und explizitem Traditionsbezug nicht leicht wiederzugeben ist.
Kein Brahms aus dem Effeff
Sicher, ein versiertes Konzertorchester wie die Bochumer Symphoniker spielen den Brahms aus dem Effeff. Unter Dawidiuks umsichtiger, vorausschauender, mit dekorativen Gesten sparsamer Leitung kam aber noch etwas dazu: Esprit, höchste Konzentration, rhythmische Entschiedenheit. Die 150 Jahre alte Sinfonie klang frisch wie selten. Vorteilhaft achtete Dawidiuk auf die Strukturtransparenz im ersten Satz und verdeutlichte so den Gang der kurzen Motive, mit denen sich der Prozess weiterspinnt. Ein Plus auch für die geschliffenen Soli: So war es ein Vergnügen zu verfolgen, wie sich das Kontrafagott aus dem Tutti herausschlängelt wie ein Verwandter Fafners.
Auch der zweite Satz gelang gelassen und reizvoll ausgehört. Im kraftvollen letzten Satz kam bei aller Aufmerksamkeit für den Bauplan die Leidenschaft nicht zu kurz. Und was für Bezüge waren hörbar: zu Schubert, Mahler, Bruckner und Dvořák. Wenn nun in den Wein etwas Wermut zu gießen ist, soll er nicht verderben, sondern eher würzen: Den großen Atem müssen Dirigent und Orchester erst noch finden. Das weitgespannte Ausholen der Streicher am Anfang wollte nicht frei schwingen. Das Allegretto schwitzte zum Glück nicht, sondern floss gelöst, könnte aber atmender gegliedert sein. Wenn sich die Chemie zwischen Klangkörper und Dirigent eingestellt hat, dürften sich solche Nebelfäden auflösen – das kann man ohne zu übertreiben getrost prophezeien.

Aurel Dawidiuk. (Foto: Irene Zander)
Heitere Brillanz bei Haydn
Im Zentrum des Programms leuchtete es seren und ungetrübt: Aurel Dawidiuk, auch ein ausgebildeter und leidenschaftlicher Organist, ist selbstredend mit dem Klavier vertraut. Er setzte sich an einen Bechstein-Flügel und genoss gemeinsam mit seinem Orchester Joseph Haydns D-Dur-Klavierkonzert als Solist und Dirigent. Haydn, häufig unterschätzt, kann mit diesem Konzert von 1782 durchaus mit Mozart konkurrieren. Zwar legt er weniger Wert auf spielerische kontrapunktische Kapriolen, aber sein unbekümmertes Thema, vom Orchester exponiert und vom Klavier aufgegriffen und sogleich variiert, macht Freude und gibt wunderbares Material für die abwechslungsreiche Entwicklung im ersten Satz. Dawidiuk spielt ohne romantische Anmutung heiter-brillant und – im empfindsamen „poco adagio“ des zweiten Satzes – mit einem zarten Sentiment, das zu einem Gemälde Watteaus passen würde. Den Tonfall trifft er mit kühler Eleganz – und man hört, was etwa Rossini aus seinen Haydn-Studien gelernt hat.
Im Rhythmus der Zwanziger Jahre
Was für eine andere Welt im Vergleich zum Eröffnungsstück: Da schlägt Dawidiuk die Funken aus einem „Ragtime“ von Paul Hindemith. Das kaum fünfminütige Stück, 1921 entstanden, aber erst 1987 in Berlin uraufgeführt, nimmt den Rhythmus der Zwanziger Jahre her, um zu zeigen, wie aus Unterhaltungsmusik ein ernsthaft durchgestaltetes Stück Komposition zu entwickeln ist. „Wohltemperiert“ schreibt Hindemith in den Titel und signalisiert damit nicht nur Ironie, sondern auch Anspruch.
Die Symphoniker lassen’s krachen, geben sich dem tänzerischen Schwung hin. Die Bläser treten der Reihe nach bis zur Tuba an und demonstrieren, wie raffiniert Hindemith die Stimmen verstrickt. Das liegt weit weg vom bemühten Gehäkel so mancher „Kontrapunktiker“ und macht richtig Spaß. Warum aber diese Stückwahl? Dawidiuk plant, auch die lokale Musikgeschichte zu beleuchten und denkt dabei an Komponisten, die für Stadt und Orchester historisch bedeutsam sind: Ernst Krenek etwa, Erwin Schulhoff und eben Paul Hindemith. Der stand in den Zwanziger Jahren – in der Ära des progressiven Musikdirektors Rudolf Schulz-Dornburg – öfter am Pult des Orchesters. 1921 ließ Hindemith vom damaligen Städtischen Orchester Bochum seine Nusch-Nuschi-Tänze – eine Suite mit Musik aus der gleichnamigen Oper – uraufführen und war nach dem Krieg bei der Eröffnung des Schauspielhauses präsent.
Was die Bochumer erwartet, hat Dawidiuk im Interview verraten: Ein Beethoven-Zyklus über die kommenden drei Jahre hin, beginnend am 6. Dezember mit der Ersten. Ergänzend und kontrastierend zu jeder Beethoven-Sinfonie jeweils eine der „Fanfares for the Uncommon Woman“ der Amerikanerin Joan Tower. Dann der Blick auf die mit Bochum verbundenen Komponisten. Und schließlich jede Saison eine Sinfonie Anton Bruckners, beginnend am 10. Oktober mit der „Nullten“. „Wir führen Bruckner auch in der Orchesterakademie auf, die ich leiten werde“, kündigt Dawidiuk an. „Der Grund ist, dass Bruckner mein Lieblingskomponist ist, und – wie ich finde –, der Komponist unserer Zeit. Der lange Atem und die innere Haltung seiner Musik sind eine Herausforderung.“
Aurel Dawidiuk dirigiert die Bochumer Symphoniker wieder am 10. und 11. Oktober. Auf dem Programm Franz Schuberts h-Moll-Sinfonie („Unvollendete“) und Anton Bruckners „Nullte“ Sinfonie in d-Moll. Tickets: (0234) 33 33 86 66, www.bochumer-symphoniker.de