Monatsarchive: Juni 1994

Im Drahtgeflecht steckt der Protest – Arbeiten des Spaniers Manuel Rivera im Museum Folkwang

Von Bernd Berke

Essen. Die entscheidende Idee für seine Kunst kam dem Spanier Manuel Rivera in einer ganz alltäglichen Situation: beim Blick in ein Schaufenster.

Da schwebten Werkzeuge hinter der Glasscheibe, als hätten sie fliegen gelernt. Von außen konnte man überhaupt nicht erkennen, daß sie drinnen an dünnen Drähten aufgehängt waren. Derlei Sinnestäuschung prägt seither die Arbeiten des 1927 in Granada geborenen Künstlers. Auch dem Material Draht hat er sich seitdem verschrieben. Auf seinen Bildobjekten kehrt es in Form von filigranen Geflechten, Verzweigungen und Spannkräften wieder. Das Essener Folkwang-Museum zeigt jetzt 85 Exponate aus den Jahren 1956 bis 1966, die Rivera selbst für seine wichtigste Phase hält.

Damals herrschte in Spanien die Franco-Diktatur. Es war schon ein Wagnis, als sich Rivera im Jahr 1957 mit anderen Künstlern zur maßvoll oppositionellen Gruppe „El Paso“ (Der Schritt) zusammenschloß. Als sie 1958 bei der Biennale in Venedig Furore machten, wollte Franco sie geschickt als Repräsentanten des Landes vereinnahmen, was 1960 zur Spaltung und Auflösung der Gruppe führte.

Verborgene Strukturen vergegenwärtigen

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Wenn man dem Glück gar nicht entrinnen kann – Wuppertal stellt den populären Künstler Otmar Alt vor

Von Bernd Berke

Wuppertal. Otmar Alt (53), vielleicht der populärste deutsche Künstler, hat nichts ausgelassen. Er hat praktisch alle Techniken erprobt, mit jedem denkbaren Material gearbeitet und seinen bunten Kosmos in vielerlei Richtung wuchern lassen. Ist er etwa ein Allerwelts-Schöpfer?

Kaum einer seiner Kollegen versteht auch so ausgiebig über die eigenen Arbeiten zu sprechen wie der Mann aus Hamm-Norddinker, dem das Wuppertaler Von der Heydt-Museum jetzt eine Retrospektive widmet. Von der landläufigen Kunstkritik fühlt sich Otmar Alt offenbar verkannt, also muß er sich wohl selbst deuten: „Ich bin keine Märchentante!“ ruft er all jenen entgegen, die sein farbig-fröhliches Kunst-Universum unter dem Etikett „naiv“ abheften wollen. Er selbst sieht sich lieber in der Nachbarschaft eines Paul Klee und eines Joan Miró. Er halte sich ans „positive Denken“, wolle Lust und Freude bei den Menschen wecken.

Bilder und Objekte sehen dich an

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Schlimme Nachrichten dringen bis in den Elfenbeinturm – Zwischen Prosa und Lyrik: Sarah Kirschs Tagebuch „Das simple Leben“

Von Bernd Berke

„Das simple Leben“ nennt Sarah Kirsch ihr neues Buch. Doch dieses Dasein ist ganz und gar nicht einfach.

Das Leben der Dichterin spielt sich, unterbrochen von gelegentlichen Lesereisen, ganz bewußt in Klausur ab. Aus ihrem Prosa-Tagebuch mit lyrischem Grundton erfährt man, wie sie sich in ihr Werk versponnen hat, sich am stürmischen Nordseestrand, wo er noch nicht von Touristen erobert ist, verschließen will vor der Welt. Dort geht sie – ein nur scheinbares Idyll – mit ein paar getreuen Menschen, mit Schafen und Bobtail, Katz‘ und Esel um, läßt sie sich beim Anblick der Wolkenspiele in lyrische Stimmungen treiben.

Ganz ohne Ironie spricht sie von „meinem Elfenbeinturm“ und mokiert sich über die Alltags-Spießer ringsum. Doch derlei Anflüge von Hochmut können bei ihr entsetzlich rasch umschlagen, auch in akute Depression. Häufig erwähnt sie die (Seelen-)Wetterlage: „Herrschte das feinste Selbstmörder-Wetter wie ich es liebe“.

Suche nach rettenden Momenten

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Glück des Gleichgewichts und „geistbewegende Pflanzen“ – Jan Meyer-Rogge und Pablo Amaringo im Osthaus-Museum

Von Bernd Berke

Hagen. Der Künstler Jan Meyer-Rogge will „Sicherheit und Unsicherheit zugleich wecken“. Wie macht er denn das?

Mit empfindlichen Balancen, mit Spielen des Gleichgewichts möchte er die Wirkung erzielen. Sogar Informatiker der Uni Dortmund sahen sich kürzlich nicht in der Lage, die physikalischen Grundlagen dieser Kunst ohne weiteres zu kalkulieren. „Erfahrung, nicht Berechnung“ liegt denn auch jenen Arbeiten zugrunde, die Jan Meyer-Rogge (Jahrgang 1935) jetzt im Hagener Osthaus-Museum zeigt.

Ganz gleich, ob es sich um Ringe, Scheiben, Zylinder oder Vielecke handelt – es würde zumeist ein kleiner Stips genügen, um sie stürzen zu lassen. Auf den Punkt genau sind die labilen Objekte ausgelotet. Es sind Kippfiguren, stets dicht davor, umzuschlagen in etwas anderes, vielleicht Chaotisches. Festgehalten wird der schmale Augenblick des Gelingens. Meyer-Rogge selbst hält angesichts solcher Equilibristik zuweilen den Atem an, „als wenn ich einen Bogen spanne“. Ihn fasziniert der meditative Moment des endlich erreichten und doch schon wieder bedrohten Gleichgewichts, eben jener Moment zwischen Sicherheit und Unsicherheit. Sehr gefährdet erscheint solche Art von Kunst.

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