Erfolgreicher Arzt und Schriftsteller lernte das Alphabet mit Brezeln – Kortums „Jobsiade“ vor 180 Jahren in Dortmund erschienen

Von Bernd Berke

Wäre der Einfall mit den Brezeln nicht gewesen, so wäre Carl Arnold Kortum vielleicht niemals Schriftsteller geworden. Als Kind schien er weder Lesen noch Schreiben lernen zu wollen, bis endlich ein Student die Idee hatte, dem Jungen aus Brezeln Buchstaben zurechtzulegen.

Von nun an begriff Carl Arnold schnell. Als er 1760 – mit fünfzehn Jahren – auf das Dortmunder Gymnasium kam, gehörte er bald zu den besten Schülern. In Dortmund, das er später dankbar als „Musensitz“ bezeichnete, lebte er bei seinern Onkel, in dessen Apotheke er auch gleich die Grundbegriffe der Heilkunst erlernte. Ein paar Jahre später wurde er mit einer Arbeit über Epilepsie Doktor der Medizin und ließ sich mit seiner Praxis zunächst in Mülheim (Ruhr) nieder.

Dr. Kortum war fortan ein begehrter Arzt. In einem einzigen Jahr (1768) haben sich gleich 600 Patienten von ihm behandeln lassen. Für die damalige Zeit eine schier unglaubliche Zahl. Die „Stadt“ Bochum, in der Kortum ab 1770 bis zu seinem Tod wohnte, hatte damals zum Beispiel 1500 Einwohner. Schon bald „rissen“ sich andere Städte um den jungen Arzt. So hätten die Hagener ihn gern zu ihren Bürgern gezählt. Doch Kortum blieb Bochum treu, zumal seine Frau, die er 1770 heiratete, von dort stammte.

Niemand hätte dem erfolgreichen Mediziner zu dieser Zeit einen Ruhm als Schriftsteiler prophezeit. Auch Kortum selbst mißtraute dem eigenen Schreibtalent, bezeichnete seine Versuche in dieser Richtung als „Tändelei“ und war überzeugt, besser Leute kurieren als Sätze formulieren zu können.

Sein volkstümlicher Ton entsetzte die Kritiker

Selbst das Werk, das ihm bis heute einen Platz im Lexikon und auf Straßenschildern gesichert hat, nämlich die volkstümliche „Jobsiade“, war für Kortum nur ein medizinischer Kniff: Er habe es lediglich verfaßt, um seine eigene Hypochondrie zu vertreiben. Auch seine Zeitgenossen hielten nicht allzu viel von der holprig gereimten Geschichte, die vollständig erstmals vor genau 180 Jahren bei den Gebrüdern Mallinckrodt in Dortmund erschien (der erste Teil war bereits 1784 in Hamm und Münster herausgekommen). Einige waren sogar beleidigt, weil sie sich (wohl zu Recht) in den bissig-satirischen Versen wiederzuerkennen glaubten. Kortum hatte allerdings in weiser Voraussicht den Band unter dem Pseudonym „Caspar Sachs“ in Druck gegeben.

Worum geht es in der „Jobsiade“, deren vollständiger Titel „Leben, Meinungen und Taten von Hieronymus Jobs, dem Kandidaten“ lautet? Um Jobs, den Sohn eines Ratsherren, der unbedingt Theologie studieren soll, sich dabei aber lieber geistigen Getränken als geistlichen Studien widmet. Er führt ein abenteuerliches Leben, wird Lehrer, Bettler, Schauspieler und zum Schluß Nachtwächter, verkehrt zwischendurch mit Räubern und Falschspielern und spannt obendrein einem Grundherren die Geliebte aus.

Knittelverse in der Tradition von Hans Sachs

Kurzum: AIlein die Handlung war den braven Bürgern ein Greuel. Ein Kritiker verstieg sich gar zu der Behauptung, die „Jobsiade“ sei das „Schlimmste an Literatur“, das sich überhaupt denken ließe. Die, die sich für gelehrt hielten, rümpften außerdem die Nasen über den staksigen Kittelvers, den Kortum benutzt hatte (Bekanntes Beispie: „Über diese Antwort des Kandidaten Jobses / Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes“). Der Knittelvers war zwar gerade erst durch keinen Geringeren als Goethe wieder „hoffähig“ gemacht worden, doch Kortum füllte ihn wieder mit dem nicht so fein geschliffenen Volkston des Nürnberger Schuhmachers und Dichters Hans Sachs. Breite Schichten des Volkes mochten diesen derben Ton nach wie vor. Die meisten „Gebildeten“ aber – aus ihren Reihen stammten ja die Kritiker – hatten mittlerweile andere Vorstellungen von Literatur als das Volk.

Doch, wie so viele, setzte sich auch dieses Buch gegen alle hochtrabende Kritik durch, ganz und gar freilich erst um 1850, lange nach Kortums Tod. Erst jetzt erkannten auch die „Fachleute“, daß hier einer sehr treffend die Schwächen und Marotten der Kleinbürger beschrieben hatte und daß der volkstümliche Ton dazu ganz genau paßte. Einige Jahre später wurde auch Wilhelm Busch auf die „Jobsiade“ aufmerksam und verfaßte 1874 eine Nachdichtung. Der Stoff wurde danach Grundlage einer Operette und einer Schuloper. Die „Jobsiade“ ist inzwischen in viele Sprachen übersetzt worden, so etwa ins Schwedische, Polnische, Tschechische, Holländische und Englische.

„Hernetische Gesellschaft“ für Alchimie

Außer der „Jobsiade“ hat Kortum eine Reihe medizinischer Schriften publiziert, die heute aber überholt und bestenfalls von historischem Interesse sind. So schrieb Kortum unter anderem über die Wirkung von Tee und Kaffee, über die „Brotsorten der Völker“, über Maßnahmen gegen ansteckende Krankheiten, aber auch über nichtmedizinische Themen wie Graphologie und Bienenzucht. Schließlich erforschte er mit heute noch gültigen Resultaten die Geschichte Bochums und fertigte einen Stadtplan an, auf dem jedes einzelne Haus zu sehen ist. Seine heute vielleicht aktuellste Veröffentlichung ist eine Verteidigung der naturverbundenen Lebensart der „Wilden“ gegenüber den zivilisationsgeschädigten Europäern von 1778.

Zusammen mit dem Schwerter Kollegen Dr. Bährens hat sich Kortum über die zivilisierten Menschen lustig gemacht. Die beiden gründeten eine sogenannte „Hermetische Gesellschaft“ für Alchimie (künstliche Erzeugung von Gold), waren über Jahre hinweg deren einzige Mitglieder, taten aber in Aufrufen so, als seien sie ein riesiger Verein und verliehen sogar Diplome. Das Ziel der Gesellschaft hatte Bergarzt Kortum der Region angepaßt, in der er lebte: Es galt, Gold aus Steinkohle zu gewinnen.

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WR-Halbseite „Bilder und Berichte“

 

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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