Unglück lauert überall – Ibsens Seelendrama „Gespenster“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Es beginnt wie ein Salonstück: So geläufig und scheinbar freimütig parliert Pastor Manders mit Helene Alving über Gottesfurcht und weltliche Geschäfte. Doch es ist nicht die wahre Leichtigkeit des Seins: Insgeheim lauern schon Ibsens „Gespenster“.

Sewan Latchinian hat das Seelendrama im Dortmunder Schauspielhaus inszeniert. Er ist mit dem Stück im großen und ganzen deutlich behutsamer umgegangen als kürzlich mit Shakespeares „Sommernachtstraum“.

Bühnenbildner Tobias Wartenberg hat den hinteren Teil der Szene mit lauter überdimensionalen Kartons vollgestellt. Damit sind sinnfällig Auswege verbaut. In den Kisten steckt wohl fast der gesamte Hausrat der Witwe Alving. Es springt schon mal ein Deckel auf, und dann kollern – wie peinlich! – geleerte Alkoholflaschen zu Boden. Doch ansonsten: alles weggepackt und dem Blick entzogen; eine Entsprechung zur jahrelangen psychischen Verdrängung, deren schmerzhafte Auflösung das Stück in Gang hält.

Endlich einmal reinen Tisch machen

Etwas schäbig gewordene Eleganz verflossener Tage: Die Wohnung der Alving, draußen an den Fjorden, sieht inzwischen aus wie ein Hotel Abgrund. Ein rotundenförmiges Sofa, ein grauer Kaminsims, das ist praktisch die gesamte Zimmer-Ausstattung. Aussagekraft durch Aussparung.

Es steht auch kein Tisch im Raum, doch es wird buchstäblich „reiner Tisch gemacht“. Nach und nach enthüllt die Witwe den bis dato feige vertuschten Skandal der Familie: das liederliche Leben des verstorbenen Gatten; seine folgenreichen Eskapaden mit der Haushälterin, deren Frucht das jetzige Dienstmädchen Regine (Sylvie Rohrer) war. Die wiederum ist also nicht die Tochter des Tischlers Engstrand (fuchsschlaue Komik: Heinz Ostermann), sondern Halbschwester des todkrank aus Pariser Künstlerkreisen zurückgekehrten Alving-Sohnes Osvald (Jörg Ratjen). Geisterhaft wirkt derlei Ungemach fort und fort.

Wenn sich die immer noch attraktive Frau Alving (Ines Burkhardt) und der nach wie vor stattliche Pfarrer Manders (Claus Dieter Clausnitzer) am Anfang begegnen, ist gleich alles knisternd präsent: Reste erotischer Spannung von ehedem, aber auch deren Unterdrückung. Man muß nur sehen, wie er ihr einen Handkuß geben will und sie sich mit einer raschen Wendung entzieht – und man ahnt, wie es um die beiden steht.

Immer wieder gelingen solche prägnanten Szenen. Beispiel: Regine wird von Osvald zum familiären Umtrunk gebeten und malt sich schon gesellschaftlichen Aufstieg aus. Dann aber süffelt Osvald den Schampus allein aus, und sie hockt mit zunehmend bitterer Miene und leerem Glase da, ein Häuflein Unglück.

Gegen Geister hilft kein Geplauder

Kein Geplauder kann darüber hinwegtäuschen: Pastor Manders ist ein eloquenter Funktionärstyp mit bigotten Grundsätzen. Den menschlichen Untiefen der Geschichte ist er nicht gewachsen. Hastig reist er ab, als das von Witwe Alving gestiftete Asylheim brennt und überhaupt alles zu brenzlig wird. Auch Engstrand und Regine, robuster als die feineren Herrschaften, retten ihre Haut durch Flucht.

Schließlich schnurrt alles auf einen inzestuösen Kern zusammen: Frau Alving und ihr Sohn Osvald im Zweier-Gehäuse. Leider verliert die Inszenierung, die sich sonst auf gutem Wege befindet, gegen Ende Proportion und Fassung. Es ist sicherlich schwer, den geistig-körperlichen Verfall Osvalds zu beglaubigen: Doch Jörg Ratjen nimmt gar zu viel Schaum vor den Mund, wirft sich gar zu heftig zitternd auf den Boden. Nicht wirklich mitleidend sieht man das, sondern mitleidig. Ein solch gemindertes Gefühl dürfte nicht aufkommen.

Weitere Aufführungen: 10., 14., 16., 22. Juni, 7. Juli (19.30 Uhr). Karten: 0231/16 30 41.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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