Gemälde wie heftige Eruptionen – Künstlergruppe „Cobra“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Als sie die deutsche Kriegs-Okkupation überstanden hatten, dürsteten sie nach Freiheit. Sie wollten sich von keinem mehr etwas vorschreiben lassen, nicht einmal von ihresgleichen. Zum Zeichen ihrer giftigen Abwehrbereitschaft gründeten sie 1948 die Künstlergruppe „Cobra“.

Es waren überwiegend Künstler aus Dänemark, Belgien und den Niederlanden, die den Namen der Gruppe aus den Anfangsbuchstaben ihrer Hauptstädte formten: Co(penhagen), Br(üssel), A(msterdam).

Schon 1951 löste sich die Formation auf. Ohnehin ging jeder seinen eigenen Weg. Ein wunderbarer Wildwuchs. Absolute Freiheit war eben wichtiger als etwaige Geborgenheit. Jetzt zeigt das Dortmunder Ostwall-Museum 143 Werke von 23 Cobra-Mitstreitern. Auch Vorfreuden und Nachwehen der Gruppenbildung gehören dazu.

„Tier, Nacht, Schrei, Mensch“

Einen Schlüsseltext zum vagen Gruppengeist schrieb der Niederländer Constant: Kunst sei im Grunde kein Gebilde aus Farben und Linien, sondern sei „Tier, Nacht, Schrei, Mensch“ – oder all das zusammen. Auf der Suche nach dem Ursprung allen Ausdrucks stieß man aufs Unbewußte, auf Träume, Rausch und Märchen. Man ließ sich von Zeichnungen Geisteskranker ebenso inspirieren wie von Kinder-Kritzeleien. Und siehe da: Der ersehnte Schlaf der Vernunft gebar nicht nur Ungeheuer, sondern vielfach ästhetische Lösungen, die heute noch überzeugen.

Etliche Bilder der Dortmunder Retrospektive gleichen gewaltigen Eruptionen. Schritt für Schritt läßt sich dies anhand einer Bilder-Reihung von Karel Appel verfolgen: erst die Geometrie, dann die zunehmende Auflösung. Asger Jorns „Verbrecher“ scheint aus dem Urschlamm der Gewalt aufzusteigen, die Bildfläche sieht aus, als sei sie besudelt von Blut und Dreck. Ein einziges Entsetzen. Da bleibt nur die Flucht, der Sturz ins Formlose.

„Zwei Sonnen“ (Titel) läßt Carl-Henning Pedersen neben einer gelbroten Figur aufgehen, die in ein Meer zu kippen scheint. Inbild einer alles hinwegflutenden Katastrophe wie am „Jüngsten Tage“. Der famose Lucebert richtet den visionären Blick auf tierhafte Gestalten, die das Innerste der Betrachterseele gleichsam anspringen. Fauchende Schrecksekunden der Freiheit.

Gruppe Cobra. Museum am Ostwall, Dortmund. Bis 12. Juli. Di-So 1017, Mi 10-20 Uhr. Eintritt 6 DM. Katalog 55 DM.

 

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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