Wer blättert denn noch im Brockhaus?

Wie gern sehen sich manche gedruckt! Es ist ihnen ein Antrieb des Schreibens, vielleicht sogar ein hauptsächlicher.

Auch mit dem Internet hat sich diese Form des Bleibenwollen nicht erledigt, sie hat sich allerdings gewandelt, ins Flüchtige gewendet. Wenngleich man uns sagt, dass im Netz nichts verloren gehe, so beschleicht einen hin und wieder das Gefühl, mit einem Wusch könne alles hinschwinden für immer. Doch auch im Virtuellen hinterlässt man gern seine mehr oder weniger kümmerlichen Spuren, wenn es auch nicht mehr den geringsten Anschein von Ewigkeit hat.

Neuere Techniken haben eine totalitäre Tendenz; dergestalt, dass sie alles Vorherige verdecken. Um mit einem Filmtitel von Alexander Kluge zu reden, so ist es „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Man hat nur noch eine vage Vorstellung davon, was ehedem gewesen ist. Wie war das noch, die Typenhebel kraftvoll zu betätigen und Buchstaben mit der mechanischen Schreibmaschine aufs Papier sausen zu lassen? Wie war das noch, den eigenen Schrieb gar von bloßer Hand zu erzeugen? Wie war das mit dem Wort in den Zeiten vor Word?

Mit den Jahren geht die Übung verloren. Man beginnt staksig zu schreiben, die Hand fährt ungelenk und etwas unbeholfen dahin. Die allermeisten verfassen kaum noch handschriftliche Briefe, allenfalls roh hingeworfene Notizen, Ideenskizzen. Ansonsten wird einem die Handschrift ungewohnt, ja vielleicht schon ein wenig befremdlich.

Just vor zwei Tagen stand in den einstweilen verbliebenen Zeitungen, dass es künftig kein gedrucktes Brockhaus-Lexikon mehr geben wird. Was früher als eherner Bestand bürgerlichen Wissens gegolten hat, ist im Schwinden begriffen. Aber wer schaut denn auch noch ins lederne Lexikon, dessen Bände zusehends veralten? Wie gern hat man darin einst geblättert; nicht immer gezielt, sondern gern kreuz und quer, von diesem auf jenes kommend, das eine oder andere unverhofft hinzu lernend.

Da dies hier ein Kulturblog aus dem Revier ist, sei der guten Ordnung halber noch vermerkt, dass der Urvater des besagten Lexikons, Friedrich Arnold Brockhaus (1772-1823), in Dortmund geboren und aufgewachsen ist. Auch hat er hier erste Geschäfte (Wollhandel) betrieben. Seine Buchhandlung als Vorläuferin des Verlags F. A. Brockhaus hat er 1805 freilich in Amsterdam gegründet. Der Mann war nach eigenem Bekunden von einer „wahren Bücherwuth“ besessen. Doch dass wir hier seinen Namen mit Wikipedia verlinken, sagt denn auch einiges über die grundlegend gewandelte Lexikographie aus.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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5 Kommentare zu Wer blättert denn noch im Brockhaus?

  1. Günter Landsberger sagt:

    Ich bin dankbar für die alte vielbändige Ausgabe des Brockhaus von 1903, die ich von meinem Schwiegervater geerbt habe und fortan griffbereit halte. Lese ich Literatur aus dieser oder noch früherer Zeit, finde ich sehr oft die Erläuterungen und Hintergrundinformationen, die ich gelegentlich brauche, fast nur dort. Außerdem ist das Blättern sehr interessant. Was man da nicht alles plötzlich findet!

  2. Bernd Berke sagt:

    @Michaela – Witzig: „Von Hölzchen auf Stöckchen“ wollte ich auch zunächst schreiben. — Aber man wird wohl leider kaum noch Leute finden, die einige Tausend Euro für ein gedrucktes Universal-Lexikon ausgeben. Vielleicht sollte man sich demnächst eine gebrauchte Ausgabe besorgen, bevor sie antiquarischen Wert hat.

  3. Bernd Berke sagt:

    @Axel: So ähnlich halte ich es auch. Ich bin – von Fall zu Fall – ziemlich skeptisch und misstrauisch, was Wikipedia anbelangt. Aber es ist schon gut, dass es diese Einrichtung gibt.

  4. Axel sagt:

    Ich ziehe langsam aber sicher die Anschaffung einer gedruckten Enzyklopädie in Erwägung. Warum? Die Wikipedia wird mir zunehmend unangenehmer. Verzichten kann und will ich nicht auf sie. Aber ich traue ihr grundsätzlich nicht über den Weg, prüfe lieber, wenn es denn machbar ist, an anderer Stelle nach. Was besonders stutzig macht, ist die stark unterschiedliche Länge der Einträge: Manche von ihnen sind regelrechte Aufsätze – nicht das, was man sucht, wenn man ein Nachschlagewerk zu Rate zieht. Andere wiederum strotzen nur vor unverständlichen Fachbegriffen, die sie eigentlich erklären sollten.

    Davon ab dringen manchmal Geschichten von hinter den Kulissen ans Tageslicht, die das Projekt wenigstens in Teilen fragwürdig erscheinen lassen. Stichworte: Selbstgerechtigkeit, Korrigier-Wut, schlechtes Benehmen neuen Autorinnen und Autoren gegenüber…

  5. Michaela sagt:

    Ich besitze eine „Sparausgabe“ des Brockhaus, da der Geldbeutel mehr nicht hergab, aber ich liebe sie!
    Das uferlose Herumblättern, stets zielgerichtet begonnen, stets – von Hölzken auf Stöcksken kommend – nicht mehr enden wollend, ist eine der wunderbarsten Beschäftigungen, die ich kenne!
    Meinen Kindern geht es – glücklicherweise, wie ich finde – ähnlich. Vor nicht allzu langer Zeit wollte meine Sohn mir etwas anhand des Brockhaus beweisen. Nach etwa einer halben Stunde mit mal diesem, mal jenem Band in der Hand meinte er dann: „Mensch, ich finde hier immer so viel, was ich gar nicht gesucht habe!“

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