Ansichten eines Hörbuchjunkies (6): Willst du boxen, Känguru?

Eines Tages steht ein Känguru vor der Wohnungstür. Artig fistelt es eine Begrüßung und stellt sich vor als neuer Nachbar. Und los geht’s.

Marc-Uwe Kling, der Pickel bekommt, wenn ihn jemand Kai-Uwe (nach: von Hassel, Minister im Kabinett Adenauer) ruft, abenteuert mit dem neuen Gefährten durch eine Umwelt, die wenig bis nichts mit den beiden Anarchisten anfangen kann, die weder Herrn Klings Weltsicht („Mein Vater hatte immer die helle Freude daran, ,Kling Glöckchen, klingelingeling …‘ Weihnachten zu spielen!“) versteht, geschweige denn teilt, die aber ebenso wenig an den schnodderig vorgetragenen Einsichten des namenlosen Kängurus erkennen kann, dass es als Alter Ego von Marc-Uwe selbst aus seinen angeblichen Vietcong-Erfahrungen noch Lehren für die Gegenwart zieht. Marc-Uwe skeptisch: „Kängurus werden doch höchsten 15 Jahre alt.“

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Die „Känguru-Chroniken“ des Kreuzberger Kiez-Kenners sind ein Fest, für die Zuhörer, die live mitmachten (es handelt sich um eine mitgeschnittene Lesung) wie für Buchhörer. „Das Känguru-Manifest“ ist ebenfalls ein Fest. Und auch bei dessen Mitschnitt gab es hörbar faszinierte Menschen im Publikum, die den Raum mit Tränen des schallenden Lachens fluteten und teilweise auch schon mehrfach Marc-Uwe Klings skurrilen Begebenheiten zuhörten, denn manche brüllen lachend los, obwohl der Gag erst im letzten Satz der Szene aufgeblättert wird. Kurz: Känguru und Kling rocken jeden Raum.

Der Autor, dessen Beute an überflüssigem Wissen bisher schon enorm ist, studierte Philosophie, gewann nachhaltige Erkenntnisse dadurch, dass er das Studium mehrfach abbrach und wieder aufnahm, legte noch Theaterwissenschaften dazu und sorgte dafür, dass die Freie Universität Berlin sich selbst nicht zu ernst nahm. Die Stories um seine Bekanntschaft mit dem Känguru entstammen einem Podcast, der wöchentlich über „Radio Fritz“ läuft. Man staunt, was dem Mann so alles einfällt, das man lieber dem Beuteltier in den Mund legt, damit es Klartext spricht, während Marc-Uwe selbst noch versucht, gesellschaftfähig zu bleiben.

Je absurder, desto besser; je unwahrscheinlicher, desto lautstärker; je irrealer, desto eindringlicher – Känguru kann sich eben alles leisten, weil es wie „Harvey“ (der weiße Hase in Mary Chase’s Bühnenstück) nur ganz auserlesenen Zeitgenossen leibhaftig werden kann – genauer gesagt: ausschließlich Marc-Uwe Kling. Oder so völlig abgedrehten Zuhörern wie mir, die mitleidig belächelt werden, weil sie mal wieder auf dem Bahnsteig warten und glucksend in sich hinein lachen, ohne dass den Nebenstehenden einsichtig wäre, warum diese Person sich vor Lachen gerade wegwirft.

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Kängurus boxen gern, so der Volksglaube. Marc-Uwe Klings Känguru auch. Die roten Boxhandschuhe findet es blitzschnell, wenn es darum geht, pöbelnden Nazis, gröhlenden Fußballfans in bierseliger Patriotenlaune oder nervigen Vertretern uniformierter Staatsmacht auf die Nasen zu hauen. Wenn es aber gezielt nach einem speziellen Beutelinhalt sucht, dann gärt die Vermutung, dass es sich bei Känguru um ein Weibchen handeln könnte, mindestens aber um ein Tier mit einseitigem Hormon-Überschuss. Dann findet es eine komplette Lkw-Umzugsladung, bis es zum begehrten Kern gelangt. Gerne auch mal Gegenstände, die ihm von Marc-Uwe, mit dem es längst eine Wohnung teilt, geliehen worden waren.

Eigentlich wollte das Känguru ja nur Eierkuchen machen, als es da so überraschend vor der Türe stand und sich als neuer Nachbar vorstellte, doch ihm fehlten die Eier. Wenig später stellte es fest, dass Mangel an Mehl herrsche, klar, gerade erst umgezogen. Dann sollten es noch ein paar Tropfen Milch sein und später etwas Butter oder so. Schließlich öffnet Marc-Uwe die Türe und deutet wortlos in die Küche zum Gasherd. Känguru hat nur ein knappes „Danke“ übrig und beginnt zu braten. Kurze Zeit darauf balgen die beiden schon energisch darum, wer die Lufthoheit über die TV-Fernbedienung hat. Es ist der Beginn einer festen Beziehung, einer andauernden Freundschaft.

Ach ja, hoffentlich geht das noch weiter, denn der dritte Teil, „Die Känguru-Offenbarung“, steht noch an. Sollte dann etwa Schluss sein?

Marc-Uwe Kling (Autor und Vorleser): “Die Känguru-Chroniken” (4 CDs), „Das Känguru-Manifest“ (4 CDs). Hörbucher (erschienen bei Hörbuch Hamburg/Downtwon), je 14,99 €.

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2 Kommentare zu Ansichten eines Hörbuchjunkies (6): Willst du boxen, Känguru?

  1. Rudi Bernhardt sagt:

    Ja, wird cool, hoffe ich. Schreibe sicher nach Erscheinen wieder was, wenn’s Recht ist. Gruß Rudi.

  2. Bernd Berke sagt:

    Hier übrigens die Vorankündigung zum Erscheinen des dritten Teils („Die Känguru-Offenbarung“)im März 2014:

    http://www.hoerbuch-hamburg.de/katalog/hh/detail/2353/die-kaenguru-offenbarung/

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