„Der Ruf des Kuckucks“: Joanne K. Rowlings Krimi unter Pseudonym

Seit die Britin Lula Landry zum schillernden Top-Model avanciert ist und mit ihrer geheimnisvollen Ausstrahlung die internationale Modewelt verzückt, lernt sie auch die Schattenseiten einer Berühmtheit kennen, die, je nach Lust und Laune, von den Medien gefördert oder vernichtet wird.

Jeder ihrer Schritte wird vom Boulevard beäugt, ihr Luxus-Appartement von Paparazzi umzingelt. Selbst ihr Telefon wird abgehört. Um die Medienmeute abzuschütteln, trifft Lula private Verabredungen und Vereinbarungen nur noch vom Handy einer Freundin aus. Doch es gibt immer jemanden, der eine heikle Information aufschnappt und an die Presse verkauft. Oder jemanden, der, voller Neid und Missgunst, sein eigenes erpresserisches Süppchen kocht.

Der Ruf des Kuckucks von Robert Galbraith

Als Lula eines nachts vom Balkon ihrer Wohnung in den Tod stürzt, deuten alle Indizien darauf hin, dass das notorisch misstrauische und seit Jahren in psychiatrischer Behandlung befindliche Model ihrem turbulenten Leben selbst ein Ende gesetzt hat. Nur ihr Bruder, ein reicher Anwalt, mag den Ergebnissen der polizeilichen Ermittlungen nicht glauben. Als die mediale Hysterie abgeflaut und Lulas Fall schon zu den Akten gelegt ist, engagiert er den Privatdetektiv Cormoran Strike. Dass der ehemalige Soldat, der in Afghanistan körperliche und seelische Wunden davon getragen hat, bei seiner Wahrheitssuche in einen Sumpf aus Intrigen gerät und die Welt der Schönen und Reichen als ein von Machtspielen und Medieninteressen vermintes Schlachtfeld der Eitelkeiten erlebt, verwundert kaum. Denn von der Macht der Medien und dem hoffnungslosen Versuch, sich selbst – trotz plötzlicher Berühmtheit – treu bleiben zu können, kann Joanne K. Rowling ein Lied singen.

Seit sie mit ihrer Saga um den Zauberlehrling Harry Potter in die Liga der Super-Reichen aufgestiegen ist, wird das Leben der ehemaligen Sozialhilfe-Empfängerin in der Öffentlichkeit breit getreten, wird jede private Regung, politische Äußerung und literarische Zeile mit einer Mischung aus Bewunderung, Neugier und Häme unter die Lupe genommen. Die Sehnsucht nach Anonymität muss groß gewesen sein. Vor allem, nachdem „Ein plötzlicher Todesfall“, ihr erster Roman der Nach-Potter-Ära, von der Kritik als klischeehaftes Sozial-Drama abgetan wurde.

Um ihren literarischen Wert zu testen, hat sie ihren neuen Roman, „Der Ruf des Kuckucks“, unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlicht. Dass das Versteckspiel am unaufhörlichen Geplapper der modernen Kommunikationsmedien scheitern würde, hätte sie sich eigentlich denken können. Nachdem die Nachricht über die wahre Autorschaft sich via Twitter durch die globalen Netze gefressen hatte, schoss der Roman von Robert Galbraith, der vorher zwar von der englischen Kritik gut aufgenommen, von den Käufern aber eher missachtet wurde, binnen Minuten an die Spitze der Verkaufs-Charts bei Amazon. Zu dem Zeitpunkt hatte sich der Verlag Blanvalet, der keine Ahnung hatte, welche Lizenz zum Gelddrucken man da billig erworben hatte und der dann mit einer Auflage von 300 000 an den Start ging, die deutschen Rechte bereits gesichert.

Dabei ist „Der Ruf des Kuckucks“ nicht mehr, aber auch nicht weniger, als ein klug komponierter, spannend geschriebener und stilistisch sauber gearbeiteter Krimi. Die Autorin weiß, wie man die Leser bei der Stange hält und veranstaltet eine kriminalistische Schnitzeljagd. Privatdetektiv Cormoran Strike braucht lange, um zu begreifen, dass das, was unaufmerksame Zeugen, verlogene Freunde und machtgeile Medienprofis über das Leben von Lula Landry zu wissen meinen, und dass das, was sie glauben gehört und gesehen zu haben, nur selten der Wirklichkeit entspricht. Strike, unehelicher Sohn eines ehemaligen Rockstars, muss ein gigantisches Puzzle aus Halbwahrheiten, Lügen und Manipulationen neu und richtig zusammensetzen.

Strikes kriminalistisches Denken und seine Leidensfähigkeit sind geschärft, seit er in Afghanistan bei einer Militär-Einheit war, die Verfehlungen und Verbrechen der britischen Armee aufdeckt. Bei diesem gefährlichen Dienst hat Strike den Unterschenkel eines Beines verloren. Aber das kann er im Alltag genauso gut kaschieren wie die Tatsache, dass er emotional angeschlagen ist, nachdem die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin in die Brüche gegangen ist und er auf einer Campingliege in seinem Büro seine einsamen Nächte verbringt. Zu einem derangierten Detektiv passt, da kennt das Klischee kein Erbarmen, eine umsichtige und loyale Sekretärin: Die sympathische Robin gehört zum Stamm selbstloser Frauen, die ihrem muffligen Chef den Rücken frei halten und für ein kleines Kompliment bereit sind, Überstunden und Gefahren auf sich zu nehmen.

Irgendwann sind alle Mode-Designer und Film-Mogule, alle falschen Freunde und fiesen Feinde der schönen Toten durch die Mangel gedreht, ist das kriminelle Knäuel entwirrt und der psychopathische Mörder dingfest gemacht. Bleibt die Hoffnung, dass Robert Galbraith alias J. K. Rowling den nächsten Fall etwas gradliniger angeht. Denn eine Fortsetzung wird es bestimmt geben: Strike hat schließlich noch eine Rechnung mit seinem Vater offen, und er muss herausbekommen, ob beim Drogentod seiner Mutter nicht vielleicht doch eine Mörderhand im Spiel war.

Robert Galbraith (J.K.Rowling): „Der Ruf des Kuckucks“. Roman. Deutsch von Wulf Bergner, Christoph Köhler, Kristof Kurz. Blanvalet Verlag, München 2013, 638 S., 22,90 Euro.

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