Dortmund als Spaghettiträger-Metropole: „Juicy Beats“ mal anders betrachtet

Um 12 Uhr mittags gehen im Dortmunder Kreuzviertel die Türen auf. Heraus strömen die Freiluftlivemusikfreunde. Gelassen und lässig wandern sie zum Westfalenpark. Manche sind ausgerüstet wie für einen Kurzurlaub, anderen reichen Flipflops und ein Jutebeutel mit Proviant. Die meisten sind zwischen 15 und 30.

Die Palette ihrer Lieblingsmusiken reicht von Raggae bis House, von Ethno bis Hiphop. Um 12 eröffnete das diesjährige 19. Juicy Beats Festival, das zum ersten Mal (damals noch unter dem Titel „Juicy Fruits“) am 26. Juli 1996 die Live-Musik in Dortmund unter dem Sonnensegel im Westfalenpark bereichern wollte. Inzwischen haben sich Programmumfang und Publikum vervielfacht. Ausverkauft. Früchte sind die Wegweiser zu den Veranstaltungen –  über 40 Live-Acts und 100 DJs, die dafür sorgen, dass hier keine Ruhe einkehrt.

Alles so schön bunt hier: Screenshot der "Juicy Beats"-Homepage.

Alles so schön bunt hier: Screenshot der „Juicy Beats“-Homepage.

Als „Alter Sack“ fühle ich mich wie Methusalem und beobachte das Treiben und sehe nur einige  Ü40er und Ü50er oder sogar mehr, manche in Erinnerung an früher, andere, um sich das Jungsein zumindest musikgeschmacktechnisch zu erhalten, manche auch, weil sie so sind, wie sie sind. Alle verlassen sich auf den Wetterbericht. Sommerliche Kleidung, zuversichtliche Gesichter, hier eine lange Party zu feiern. Kein Regen, also kein Woodstock in Dortmund mit vermatschten Böden und klitschnassen Liebespaaren.

Schon lange bin ich kein regelmäßiger Konzertbesucher mehr. Nur ab und an verschlägt es mich zu Pop- oder Rockmusikveranstaltungen. Meist muss man stehen oder wird gar zu Bewegungen aufgefordert, die allgemein als Tanzen bezeichnet werden. Ganz anders natürlich „früher“. In den 70ern gab es eine Band namens „Juicy Lucy“ (https://www.youtube.com/watch?v=qcPGtxUqAVU), die ich live im Londoner Marquee-Club gesehen habe, auch „Cream“ und „Tyrannosaurus Rex“. Wow! Die Liste der Bands war übersichtlich. Es wurde nicht getanzt, sondern gewackelt. Ich erinnere mich an die Rolling Stones Konzerte in Stadien, wo gleich mehrere Generationen zugegen waren. Ich war einer unter Tausenden auf der Isle of White, erinnere mich aber nur dürftig daran. Der Alkohol war mein Festivalbegleiter. Wäre ich fit wie die Turnschuhe, die in variabelsten Variationen mit den Füßen der Juicy Beatler verankert sind, würde ich Wacken in Angriff nehmen, aber dort wird heftige Kondition verlangt. Dagegen ist es im Westfalenpark eher beschaulich, allerdings mit gefühlten tausend Musikrichtungen. Das macht es dem Flaneur und der Begleitung einfach.

Viele Spezialisten versammeln sich, aber ebenso welche wie ich, die keinen Überblick über Bands und Musikgruppen haben, sondern einfach flanieren, rein in die Menge und ab die Post. Das Dortmunder Festival gehört inzwischen sicher zu den beliebtesten im Lande, gut organisiert, große Auswahl, gute Stimmung, angemessener Preis.

Meine Begleiterin ist partyerprobt und schmeißt sich als Mid-Agerin ins Vergnügen. Hier ein paar ihrer Eindrücke:

15 Uhr Wallis Bird aus Irland – eine sympathische rote, blonde, kleine Rockröhre begeistert mit ihrem Gitarrenrock auf der Rentless Energy Stage. Es ist jetzt schon voll mit Leuten. 16.30 Frittenbude. „Mit Heißhunger geht man nicht auf solche Veranstaltungen“, denke ich, aber Frittenbude ist eine Band. Three guys on stage auf der Mainstage gefallen meiner Begleitung mit ihrem Remix über die Liebe, Elektro, Punk und Hip Hop. 17 Uhr: Kalle Mattson im Spatengarten, kanadische Band, wunderbar sonore Stimme aus Kanada, Akustik- und E Gitarre und Horn. Findet sie sehr relaxt. Der Frontmann sagt, er habe noch nie so viele Spaghettiträger-Shirts (Tank Tops) in seinem ganzen Leben gesehen, wie heute. Dortmund ist also die Spaghettiträger-Metropole. Oma Doris Indiestage gefällt ihr am besten, mit dem Sofa unter Nadelbäumen.

17.30: Swimming TV – ein wie ein Nerd aussehender, sehr junger DJ mit Laptop und Schlagzeug, knarzige Klick-Klacksounds bis treibende Beats. Lange Schlangen an den Klos. 19:15: Frans Zimmer nennt sich „Alle Farben“, gefällige Elektrobeats…sehr tanzbar. Ein kleiner Mann bringt Hunderte zum Tanzen. Zwischendurch gibt´s ne knallrote Konfettibombe im Sonnenuntergangslicht… “Wow“, sagt sie. 21.00: Auf der Funkhaus Europa-Bühne bringt uns Ebo Taylor mit seiner 6-köpfigen Band zum Grooven. Der 78jährige Erfinder des Afrobeat (O-Ton) begeistert sie mit seinem jazzig funkigen Hip-Hop. 22.20:  An der FH Drum´n´Bass, Dubstep & Bassmusik Floor legt Doc Scott auf, wohl einer der prägendsten Persönlichkeiten der Drum ´n´ Bass Szene, bringt die Menschen im Nebel zum Schwingen und hüpfen und zucken.

Ansonsten gab es noch einen Junggesellinnenabschied, die einem verdutzten Mid-Ager unbedingt das Waschetikett aus der Unterhose trennen musste…die Sammlerleidenschaften! Um 22.00 Uhr waren die großen Bühnen fertig und das wilde Gesuche, wo noch was ist, geht los. Daddy Blatzheim und See-Pavillon war wohl das vollste. Aus dem Spatengarten klang 80-er Groove. Und nachts geht die Party ab. Damals waren DJs auf Live-Bühnen noch nicht zu sehen. Sie standen in sogenannten Diskotheken hinter ihren Plattentellern und kündigten um 22.00 Uhr die Ausweiskontrolle des Jugendamtes an.

Juicy Beats ist eine Massenveranstaltung, die sich auf dem Gelände in kleine Massen aufteilt, ein Festival mit Auswahl, für ahnungslose neugierige Musikfreunde aller Altersklassen zu empfehlen. Da kann man auch mal als älteres Paar nach langer Zeit mal wieder heimlich hinter dem Gebüsch knutschen und dabei Raggaesounds lauschen. Die Duftwelle süßen Qualms führt zur notwendigen Lässigkeit. Heute hab ich wieder was gelernt und bin noch nicht soweit, Makramee-Kurse für Senioren zu besuchen.

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