Teil einer Massenbewegung sein

Wollten Sie schon immer Teil einer Massenbewegung sein? Nein? Ich auch nicht. Dann ist eine „Kritische Masse“ sicher genau das Richtige. Am Wochenende gab es in Dortmund Gelegenheit, auszuprobieren, wie es sich anfühlt: Critical Mass!

Was das sein soll? Das kann wikipedia besser erklären: „Critical Mass (Kritische Masse) ist eine international verwendete Aktionsform, bei der sich mehrere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer scheinbar zufällig und unorganisiert treffen, um mit gemeinsamen und unhierarchischen Protestfahrten durch Innenstädte mit ihrer bloßen Menge und ihrem konzentrierten Auftreten auf ihre Belange und Rechte gegenüber dem motorisierten Individualverkehr aufmerksam zu machen.“

Kurze Party auf dem Wall auf Höhe des Hauptbahnhofs.

Kurz gesagt, Critical Mass ist eine Demonstration auf dem Fahrrad für das Fahrrad, wobei die Demonstranten weder Forderungen auf Plakaten erheben noch lautstark skandieren, sondern höchstens dann und wann ihre Klingel betätigen. Die Teilnehmer machen sich eine Lücke in der Straßenverkehrsordnung zu Nutze, die es erlaubt, ab einer bestimmten Anzahl im Verband zu fahren – also bei ausreichender Menge auch die komplette Fahrbahnbreite einzunehmen. Genau das taten die rund 300 Menschen, die sich am Samstag um 15 Uhr auf dem Friedensplatz versammelten.

Ein junger Mensch mit Megaphon erklärte vor dem Start noch schnell die Regeln: Immer schön hintereinander bleiben, Ampelzeichen einfach gar nicht beachten, die Vorderen geben die Richtung an, jeder fährt auf eigene Verantwortung. Dann geht es ab auf den Wall.

Ein Blick über den Friedensplatz: Wer ist noch dabei? Da sind Fahrerinnen im Seniorenalter und gut behelmte Zehnjährige. Da sind langhaarige Männer mit Plastikblumen am Rad und junge Männer mit nackten Oberkörpern. Einige tragen riesige, wummernde Lautsprecher in Rucksäcken auf dem Rücken, andere ihre Kinder auf dem Gepäckträger. Ich sehe Hollandräder und Mountainbikes, Liegeräder und Rennräder, Lastenräder und Fahrräder mit extra breiten Reifen, die wie die Velo-Version eines Choppers aussehen, Tandems und Klappräder, eigene und von metropolradruhr geliehene Räder.

Gewummer vom Rücken statt aus dem Kofferraum.

Auf dem Wall geht es rechts herum Richtung Dortmunder U. Leise Enttäuschung: Die Polizei ist ja dabei! Dabei muss eine Critical Mass gar nicht wie eine Demo angemeldet werden. Bald merke ich, dass das schon besser ist: Es lassen sich sicher nicht alle Autofahrer gerne von einer Horde siegessicher grinsender Radfahrer demütig in die Warteposition versetzen. Da verschafft die Präsenz der grün-weißen Motorräder doch ein wenig mehr Sicherheit. „Bitte fahren Sie nur auf der rechten Spur, denken Sie an Ihre eigene Sicherheit“, erinnert der freundliche Polizist die Radfahrer wieder und wieder, doch der Hinweis nutzt nur am Anfang. Spätestens auf Höhe des Hauptbahnhofes wird die kritische Masse euphorisch. Wir besetzen nun alle drei Fahrspuren, klingeln wild und winken den wartenden Menschen an Fußgängerampeln und in Autos. Es dauert sicher drei Ampelphasen, bis die bunten Bicyclisten vorbeigezogen sind und der Verkehr seinen gewohnten Gang gehen kann.

Nach einer Ehrenrunde um den Wall biegen wir auf die Münsterstraße ab und fahren über die Mallinckrodtstraße bis zum Borsigplatz – der Höhepunkt der Tour! Wieder und wieder umrunden wir den Kreisverkehr, ungeachtet der Aufforderung der Veranstalter, nach einer Runde umzukehren. Ein Siegesgefühl wie bei der BVB-Meisterfeier greift um sich. Anwohner hängen an den Fenstern, Ladenbesitzer staunen und winken, Jugendliche schnappen sich ihre Skateboards und fahren kurzerhand mit.

Rückfahrt vom Borsigplatz.

Zurück geht es über die Bornstraße, wieder auf den Wall und dann über die Hohe Straße durchs Kreuzviertel. Die kritische Masse ist seit dem Start sicher um einige Dutzend Menschen gewachsen, da sich zufällig des Weges kommende Radfahrer kurzerhand angeschlossen haben. Aus den Lautsprechern kommt HipHop und Elektronisches, und wer kann, versucht auf dem Fahrrad mitzuwippen. Es macht Spaß! Die Freude rührt allerdings weniger daher, Teil einer sinnvoll-friedlich-kritisch protestierenden Masse zu sein. Es ist die pure Lust an der Rache. Rache an all den  ignoranten Autofahrern, die mir als Radfahrerin regelmäßig die Vorfahrt nahmen, mich schnitten, mich gefährdeten, mich nervten. Macht den Motor aus und hört unsere Klingeln!

Die Critical Mass Dortmund findet jeweils am zweiten Samstag des Monats statt. Los geht’s um 15 Uhr auf dem Friedensplatz.

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Über Katrin Pinetzki

Kaffeejournalistin, Kulturtante und umgekehrt. Arbeitet als Pressereferentin für Kultur in der Pressestelle der Stadt Dortmund.
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5 Kommentare zu Teil einer Massenbewegung sein

  1. Osis sagt:

    Joa, hat Spaß gemacht. Zur Abwechlung mussten mal „die Autofahrer“ warten..

    Aber wie das so ist: Man möchte sich selber nicht imV erkehre begegnen. Ich fahre auch gerne Auto, wenn ich einen Grund habe. Ansonsten ist das Rad mein Fahrzeug.

    Und die Wegegestaltung im Ruhrgebiet zwingen einen konstant zur Mißachtung der STVO, wenn man denn voran kommen will. Wege enden im Nichts oder an Fußgängerzonen, vor hohen Bordsteinen, breite Straßen mit zu schmaler Insel in der Mitte die bei der Hälfte auf Rot schalten…Lauter so schlechte Witze…

  2. @Jay Silence: Kein Megaphon, ok, sorry… bin erst kurz vor dem Start angkommen und hab gehört, dass es eine kurze Einweisung gegeben habe und mir den Rest zusammen gereimt.
    Keine Veranstalter – na gut, dann vielleicht Organisatoren? Oder Koordinatoren?
    Nur einmal Polizeihinweise? Also ich habe sie zwei oder drei Mal gehört – hängt sicher davon ab, wo genau man gefahren ist.

  3. Jay Silence sagt:

    Sorry, aber da war niemand mit Megaphon.
    Es gibt auch keine Veranstalter.

    Und die Polizei hat auch nur einmal am Anfang angemahnt nur die rechte Spur zu benutzen. Ich fand es allerdings echt sicherer die ganze Breite einzunehmen. Denn wenn sonst Autos parallel am Verband vorbei rauschen und dann doch mal durch den Verband hindurch abbiegen wollen, dann kommts zur Kollisionsgefahr. War besser so.

    Rache als Motiv? Na ja…
    Ich finds wichtiger, dass wir uns sichtbar machen, denn wir behindern nicht den Verkehr, sondern wir sind Verkehr. Und werden tagtäglich misachtet.

    @Jens, im Radfahreralltag muss ich tausendfach an Ampeln warten, die ausschliesslich auf den Autoverkehr abgestimmt sind. Und das obwohl Fahrräder für Strecken unter 5km das effizientere Verkehrsmittel sind.
    Radel doch mal mit. Bist willkommen.

    -jsl

  4. Pingback: Links anne Ruhr (11.07.2011) » Pottblog

  5. Jens sagt:

    Ich war dabei… als wartender Autofahrer.

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