Ein Turnier ohne Prägekraft

Du meine Güte, da gab’s doch gestern wahrhaftig einen spielfreien Tag bei der Fußball-Europameisterschaft – und schon wussten manche Menschen nichts mehr mit sich anzufangen.

Ja, man sieht viel Elend. Heute aber endet die Durststrecke bereits. Es gibt wieder Dröhnung. Weil nun das Viertelfinale mit den allseits beliebten K.o.-Begegnungen und womöglich gar Elfmeterschießen anhebt, so bietet sich im Gefolge des landläufigen Sportjournalismus jener güldene Nervspruch mit langer Tradition an, der da lautet: „Jetzt beginnt das Turnier erst richtig.“

Ganz klar. Erst kann die Gruppenphase nicht genug bekakelt werden. Doch kaum ist sie vorüber, schrumpft sie zur Bedeutungslosigkeit. In diesem Falle ist das sogar verständlich, denn sportlich hat die Vorrunde ziemlich wenig geboten. Bislang war keine Partie zu sehen, die man übers Jahr hinaus im Gedächtnis behalten wollte. Keine sonderliche Kunst am Ball, kein neuer Mythos der Fußballreligion, also auch kein wirksames Opium fürs Volk.

Hoheitszeichen vor Gardine (Foto: Bernd Berke)

Hoheitszeichen vor Gardine (Foto: Bernd Berke)

Im Ruhrgebiet, wo sich speziell die Anhänger von Borussia Dortmund düpiert fühlen, weil der schwäbelnde Bayernfreund Löw die BVB-Recken nicht aufstellen mag (Ausnahme bis dato: Mats Hummels), kommt bis zur Stunde erst recht keine schrankenlose Begeisterung auf. So bleibt uns in diesen Breiten immerhin ein zombiehaftes Aufleben des zu Tode gerittenen Wortes „Sommermärchen“ erspart. Statt dessen dräut am morgigen Freitag ein griechisch-deutscher Kampf um den und die Euro. Man möchte sich die vergifteten Emotionen nicht ausmalen, die da schwelen.

Überhaupt vermisst man noch den Prägestempel, der diese EM unverwechselbar machen würde – es sei denn, man erachte den vielfach verdrucksten Umgang mit dem Gastgeber Ukraine als solchen. Eine der besseren Nachrichten ist noch, dass die 2010 in Südafrika nervtötenden Vuvuzelas quasi spurlos verschwunden sind.

Statt dessen mag man sich über den im Ungefähren wabernden Manipulationsverdacht ereifern. Spanien und Deutschland haben einander gegenseitig weitergepfiffen, so wird geargwöhnt. Es sieht tatsächlich beinahe so aus, als ziele die eine oder andere Fehlleistung der Schiedsrichter darauf ab, die „großen Fußballnationen“ (sprich: die zahlungskräftigste TV-Werbekundschaft) so lange wie möglich im Spiele und bei Laune zu halten.

Über die mediale Verwurstung durch ARD und ZDF kann ich – außerhalb der 90 plus x Minuten Spielzeit (was z. B. dank Béla Réthy schon Prüfung genug ist) – wenig mitteilen, weil ich das ganze Vorher- und Nachher-Gerede konsequent abschalte. Mein Lebtag werde ich nicht mehr Zumutungen wie „Waldis Club“ oder die grausige Moderation von Frau Katrin Müller-Hohenstein über mich ergehen lassen, welchletztere die Insel Usedom als Urlaubsziel nachhaltig zu entwerten droht. Nein, das sollte man sich wahrhaftig nicht antun. Schon Nietzsche wusste, dass, wenn man zu lange in den Abgrund blickt, der Abgrund auch in einen selbst hineinschaut. Uaaaaah!

Immerhin sorgte ARD-Experte Mehmet Scholl für ein vernehmliches mediales Rauschen, als er dem oft so unbeweglichen deutschen Stürmer Mario Gomez nickelig nachsagte, er müsse sich wahrend des Spieles „wundgelegen“ haben und solle deshalb lieber „gewendet“ werden. Das war kreatives Mobbing nach dem Motto „Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht?“

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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