Muhammad Ali auf der Buchmesse: Der Stoff, aus dem die wirklichen Mythen sind

Frankfurt. Gar keine Frage: Es war d e r Auftritt der Buchmesse überhaupt. Als die Boxlegende Muhammad Ali sich endlich zeigte, drängelten sich Hunderte von Journalisten aus aller Welt. Als er dann bedächtig in einen vorbereiteten Boxring stieg und durchs Geviert zwischen den Seilen tappste, jubelte ihm die Menge der Messebesucher zu wie einem Messias.

Da könnte einer wie Dieter Bohlen tausendmal „titanenhaft“ zur Tür `reinkommen – und hätte nicht den Bruchteil jenes Schauders ausgelöst, wie er sich gestern in Frankfurt unfehlbar einstellte. Man weiß nicht, wie und warum. Doch für Sekunden fühlte man sich plötzlich, als befinde man sich näher am Herzen der Dinge. So wirkt der geheimnisvolle Stoff, aus dem wirkliche Mythen sind.

Dabei war es eine überaus zwiespältige Angelegenheit. Der schwer kranke Ali, der bekanntlich seit Jahren unter Parkinson leidet, kann sich gleichsam nur noch in Zeitlupe regen – welch ein betrüblicher Kontrast zu seinen großen Boxerzeiten! Dennoch hat man ihn zwecks Werbung für ein sündhaft teures Huldigungsbuch eingeflogen. Es war gewiss eine Strapaze, als die zahllosen Kamera-Teams ihn und seine Frau zu immer neuen Posen animierten: Fäuste ballen, Küsschen geben usw. Doch vielleicht hat es seiner müden Seele auch noch einmal gutgetan. Wie aus einer anderen Sphäre herbeigezaubert, kam das eine oder andere Lächeln auf sein Gesicht…

Mehr Rummel geht nicht. Damit verglichen hat es auch Doris Schröder-Köpf, immerhin Ehefrau des Bundeskanzlers, schwer, die Aufmerksamkeit auf ihr Anliegen zu lenken. Im Lesezelt der Buchmesse startete sie gestern mit weiteren Prominenten (Amelie Fried, Petra Gerster) die Aktion „Deutschland liest vor“. Die Idee stammt aus den USA und wurde in Berlin bereits vielversprechend umgesetzt: Erwachsene nehmen sich ehrenamtlich Zeit, um dem Nachwuchs in Kindergärten, Grundschulen oder Büchereien vorzulesen. Doris Schröder-Köpf wünscht sich noch mehr: „Es wäre schön, wenn sich dazu auch mal ein bekannter Fußballspieler bereit findet.“ Nur zu: Ihr Mann ist schließlich Mitglied bei Borussia Dortmund und kennt da ein paar Leute! Ohnedies lässt sich die Sache schon gut an: Einige namhafte Sponsoren aus der Wirtschaft machen mit, im nächsten Jahr soll’s auch Lesungen in den Filialen der größten Fastfood-Kette (raten Sie mal!) geben. Dort treffen sich nun mal viele Kinder.

Die Branchen-Diskussion wird derzeit beherrscht vom Streit um den Bertelsmann-Club. Darf der Verlagsriese Bestseller in preiswerteren Club-Editionen schon so früh nach der Erstausgabe anbieten, wie er dies jetzt vorhat? Ein weites, steiniges Feld, das wohl die Juristen beackern müssen. Manche andere „Bedrohung“ des Buchhandels erledigt sich hingegen wie von selbst: Die Elektronik hat diesmal keine eigene Halle mehr, sondern wurde friedlich ins Gedruckte integriert – beziehungsweise ins Tönende: Der staunenswerte Erfolg der Hörbücher wird sichtbar in imposanteren Ständen der einschlägigen Verlage.

Und wie steht’s mit dem pompös angekündigten Messeschwerpunkt „Film & TV“? Noch ziemlich dürftig! Etwas krampfhaft sucht man bei bräsigen Podiums-Diskussionen nach Querbezügen zum Buch. Eine „Ehe“ zwischen Film und Literatur hat man stiften wollen. Hier bleibt’s einstweilen bei der lockeren Beziehung.

(Der Bericht stand am 10. Oktober 2003 in der Westfälischen Rundschau, Dortmund)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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