„Jugendroman“: Stoff des Lebens

Hat der Mann ein beneidenswertes Gedächtnis, oder hat er schon als Kind und Jugendlicher fleißig Tagebuch geführt und wertet dies nun ausgiebig aus?

Nach seinem „Kindheitsroman“ (2004) legt Gerhard Henschel jetzt ganz folgerichtig den „Jugendroman“ vor. Und wieder enthalten die Erinnerungen enorm viel Zeitkolorit. Ja, es ist, als würden jene früheren Jahre mitsamt den längst vergangenen Tagesnachrichten derart detailtreu herangezoomt, bis sie fast wieder „eins zu eins“ vor uns erstehen. So banal und wiederholungsträchtig manche Passagen im einzelnen klingen mögen (so ist der Alltag eben), auf Dauer ergibt sich ein Sog, dem man sich schwerlich entziehen kann.

Diesmal führt der Erzähler Martin Schlosser, der mit dem Autor innig verwandt, wenn nicht identisch ist, sich und uns zurück in die Jahre 1975 bis 1977, was auch die bleierne Zeit des RAF-Terrors einschließt, die jedoch fern von den Metropolen nur sehr verdünnt ankommt – wie denn überhaupt der ganze großmächtige Zeit- und Welt-Geist hier geringeres, geradezu menschliches Maß annimmt.

Henschel (Jahrgang 1962) war damals zwischen 13 und 15. Sein sympathisch unangestrengtes, unaufgeregtes Buch ist somit auch ein nachdrückliches Identifikations-Angebot an die in den frühen und mittleren 60ern geborene Generation der „Baby-Boomer“ – eine recht umfängliche Zielgruppe.

Damals hat Martins Lebensgeschichte eine erzwungene Wende genommen: Weil der Vater (Ingenieur bei der Bundeswehr) berufshalber von Koblenz ins entlegene emsländische Meppen umziehen muss, beginnt auch für die Familie ein neuer Abschnitt, sie wird gleichsam umgetopft.

Die bisherigen Straßen- und Schulfreunde sind auf einmal fern. Ein Gerüst des Buches bilden die schnoddrigen, leidlich witzigen Briefe des alten Kumpels Michael aus Koblenz, die vor allem von der elenden, mitunter bizarren Langeweile provinziellen Daseins zeugen. Martin kann das im offenbar noch öderen Meppen wahrlich nachfühlen.

Der Grundtonfall des „Jugendromans“ erinnert von fern her an den guten alten Salinger („Der Fänger im Roggen“), der ein immer noch gültiges Langzeitmuster für Bücher aus glaubhafter Jugendperspektive geschaffen hat. Ein spezifischer Sound ergibt sich freilich durch Bruchstücke des Jargons, wie er zur Mitte der 1970er in kleinbürgerlich deutscher Provinz üblich gewesen ist. Immer wieder werden auch damalige Einfluss-Kräfte verschiedenster Couleur aufgerufen, in deren Fadenkreuz man als Jugendlicher geraten konnte. Das Spektrum reicht hier von damals angesagten Komikern wie Otto Waalkes und Insterburg & Co. über die Box-Legende Muhammad Ali bis hin zu Antifiguren und politischen Popanzen wie Franz Josef Strauß oder Alfred Dregger.

Sind das alles nur Reminiszenzen an bloße, recht kurzlebige Zeit-Phänomene – oder schmeckt man hier etwas vom Aroma jeglicher Jugendzeit nach? Auch das. Und noch etwas mehr: Der konkrete Alltag der Familie Schlosser und der weiteren Sippe erweist sich als exemplarisch für den damaligen Zwischenzustand eines weiten Teils der Republik. Da gibt’s noch jede Menge „Spießigkeit“ und Biedersinn, doch nunmehr mit „aufmüpfigen“ Einsprengseln versehen. Die Sekundärtugenden gelten aber noch etwas, das Aufbegehren hat Grenzen. Wenn der Vater verkündet, es müsse im Garten wieder Unkraut gejätet werden, dann duldet er keinen Widerspruch.

Dennoch ertappt man sich bei einer retrospektiven Lektüre-Empfindung anheimelnder Art, etwa so: Ach, da ging’s uns ja noch gold. Oder wie es Martins Mutter freundlich aber bestimmt sagt, wenn’s mal ein kleines bisschen turbulenter und lustiger hergegangen ist: „Nu is’ aber auch gut“. Bloß nicht zu sehr über die Stränge schlagen. Alles mit Maß und mit Ziel…

Es gibt so gut wie keine Themen-Hierarchie beim Stoff, aus dem nun einmal das Leben vorwiegend besteht: Die Reparatur der Heizpumpe ist in diesem kleinen Kosmos ebenso bedeutsam wie die nächste (verhasste) Mathe-Arbeit, das zickige Verhalten der blöden kleinen Schwester nervt ungefähr ebenso wie eine (damals noch seltene) Niederlage des Lieblingsvereins Borussia Mönchengladbach, dessen tabellarische Fährnisse hier immer wieder nebst anderen Kick-Resultaten eingeschoben werden. Fernsehsendungen einschließlich vieler Spielfilm-Klassiker, Popmusik (Beatles, Cat Stevens etc.) und literarische Initiationen (Kleist) verzweigen sich zum kulturellen Geflecht, mit dem man solche Leiden ausbalanciert und sich die Langeweile einigermaßen phantasievoll auspolstert. Der unterwegs angereicherte Vorrat soll schließlich für viele weitere Jahre reichen.

Wohl allzeit typisch für die besagte Altersgruppe: Martins Interesse an Fußball lässt im Verlauf der drei geschilderten Jahre allmählich nach, stattdessen beginnt der Junge den „Spiegel“ zu lesen und sich politisch maßvoll zu empören. Außerdem keimt allerdings sehr scheue Erotik nach alter Konvention. Das noch etwas verschämte Begehr richtet sich auf „Stellen“ im elterlichen Buchbestand oder gar auf die Dessous-Seiten des Quelle-Katalogs, vor allem aber auf die insgeheim angebetete Mitschülerin Michaela Vogt, die schon per Vornamens-Ähnlichkeit auch den einstigen Kumpan Michael aus Koblenz verdrängt. Ob sie sich im (hoffentlich) nächsten Roman kriegen?

Gerhard Henschel. „Jugendroman“. Hoffmann und Campe, 541 Seiten. 23 Euro

teilen, mailen, druckenShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterPin on PinterestShare on LinkedInShare on TumblrShare on StumbleUponEmail this to someonePrint this page

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
Dieser Beitrag wurde unter Alltag, Kinderzeiten, Literatur abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.