Die Not wird mit dem Dreck verkleistert – Kay Voges inszeniert Wedekinds „Frühlings Erwachen“ in Oberhausen

Von Bernd Berke

Oberhausen. Der Bühnenräum ist rundum gekachelt. Es gibt Umkleidekabinen, Waschbecken, Duschen, ein paar Pissoirs. Alles in geradezu gellend weißer Sterilität, so dass man am liebsten die Augen schließen würde – besonders, wenn diese furchtbaren Neonlichter zu flackern beginnen. Ein „sauberer“ Albtraum.

Hier hat man sie eingesperrt wie in eine geschlossene Anstalt: die Jugendlichen aus Frank Wedekinds Stück „Frühlings Erwachen“. Ehedem haben sie sich mit wilhelminischem Drill und Triebunterdrückung „christlichen“ Zuschnitts geplagt. In Kay Voges‘ Oberhausener Inszenierung lernen sie erst einmal „Neusprech“, als sei’s ein Text von George Orwell („1984″). Gipsköpfige, völlig ent-individualisierte Erwachsene lugen von oben über die Kachelwände, geben Takt und Lügenworte vor: „Krieg bedeutet Frieden. Unwissenheit ist Stärke.“ Die Jugend spricht’s verängstigt im Stakkato nach.

Psycho-Szenerie mit gleißenden Kacheln

Es ist eine enorm beklemmende Psycho-Szenerie (Bühne: Svea Kossack), in der letztlich doch die herkömmlichen Herrschafts-Verhältnisse ausgetragen werden. Erzwungene Körper-Panzerung, Zurüstungen zu aggressiven, ja kriegerischen Ersatz-Handlungen – im Grunde das alte Leidens-Lied, sozusagen ein Mord an aller Lust. In Ewigkeit, Amen?

Die Regie ergreift vehement die Partei der Jugendlichen. Halbwegs liberale Positionen der Eltern, die bei Wedekind vorkommen, sind getilgt. Lehrer, Klerus und Erzeuger erscheinen hier nur als seelenlose Monster, als automatisiert schnarrende Funktionsträger. Aus solch wohlfeiler Eindeutigkeit lassen sich heftige Funken der Emotion schlagen.

Über weite Strecken ein beachtlicher Versuch

Es bleibt freilich über lange Strecken ein beachtlicher Versuch, das doch ein wenig angegilbte Stück näher ans Heute heranzuholen, uns damit auf den Leib zu rücken. Voges, der sich im Text bedient wie in einem Baukasten, filtert ein zunächst schlüssig wirkendes Konzentrat. Not und Drangsal der beherrschten Jugend wer den oft wahrhaftig greifbar.

Verwunderlich aber, dass man die „Aufklärungs“-Szene mit dem uralten Storchen-Märchen nicht gestrichen hat. Wendla dürfte nur fragen: „Wie bin ich auf die Welt gekommen?“ und müsste bangend ohne Antwort bleiben. So aber, mit all‘ dem Storchen-Gedöns, entschwebt das Stück plötzlich doch in weite Ferne.

Durchweg atemlos und gehetzt sind Gesten und Sätze der 14-jährigen Opfer, denen die Welt keine Ruhe lässt: Wendla (Regina Gisbertz) wird geschwängert und verreckt am Ende bei einer grauenhaften Abtreibung. Moritz (Kaspar Markus Küppers) bricht unter Sexualnöten und schulischem Druck zusammen, er gibt sich die Pistolenkugel. Nur der Nihilist Melchior (Daniel Wiemer) findet einen Überlebens-Dreh – mit mephistophelischer Hilfe des grotesk vermummten Herrn (Michael Witte), der einen abgeklärten Ton übers Geschehene breitet, als sei der Spuk vorüber.

Das Stück rabiat ins Heute gezerrt

Jetzt wird noch gekrittelt: Denn leider gibt Voges im Laufe des Abends den bühnenüblichen Untugenden eines ach so gängigen Welt-Ekels nach, er bedient das notorische Blut-, Sperma- und Tränen-Theater.

Die Darsteller, die Diffenzierteres als diese Art von Drastik verdient hätten, müssen nach und nach sämtliche Körpersäfte ausscheiden und sich zudem mit Erdbatzen gründlich beschmutzen, bis die gesamte Bühne besudelt ist; ganz so, als würden wir sonst ihre Nöte nicht begreifen.

Das Gegenteil ist der Fall: Ihre Regungen werden mit Dreck zugeschüttet und verkleistert. Und das Stück wird denn doch nicht ganz zu uns geholt, sondern zum Teil rabiat herbeigezerrt. Jammerschade um etliche interessante Ansätze. Unser Mitgefühl gilt derweil dem Reinigungspersonal.

Termine: 16., 19., 26. Januar. Karten: 0208/85 78 184

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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