Vater war dagegen – und dabei: Ulla Hahns „Unscharfe Bilder“

Von Bernd Berke

Eine Frau um die 50 will endlich die Wahrheit wissen: Was hat ihr Vater damals während des Weltkrieges in Russland getan? Hat er mörderische Schuld auf sich geladen?

Zwei Begebenheiten wecken in Ulla Hahns Roman „Unscharfe Bilder“ die etwas verspätet anmutende Wissbegier: Zum einen hat diese gereifte Studienrätin namens Katja Wild im doppelten Boden des Werkzeugkastens versteckte Liebesbriefe ihres Gatten entdeckt und sich getrennt. Damit ist ihr Sinn für verborgene, plötzlich ans Licht gerissene Geschehnisse geschärft. Vor allem aber hat sie eine Ausstellung mit dem Titel „Verbrechen im Osten“ gesehen und kommt vom Gedanken nicht mehr los, ihr Vater könne verstrickt gewesen sein. Hat sie ihn nicht gar auf einem der dokumentarischen Fotos entdeckt?

Der Roman greift also genau jenes Thema auf, das in den kommenden Wochen die Region nachdrücklich beschäftigen wird: Die schon im Vorfeld kontrovers diskutierte Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ ist ab 19. September im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen.

Konfrontation mit der Vergangenheit

Katjas Vater Hans Musbach, inzwischen 82 Jahre alter Witwer und seinerseits (pensionierter) Studienrat für Latein und Geschichte, nutzt die Antike gern als Fluchtburg, wenn er Biographien über Sulla oder Reden von Cicero liest. Alles so schön weit weg und doch überzeitlich bedeutsam. Immerhin hat er als Lehrer seine Schüler stets auf die Gefahren der Tyrannei hingewiesen. Doch nun setzt ihm auf einmal seine geliebte Tochter zu. Tagtäglich besucht sie ihn im schmucken Zimmer der Hamburger Seniorenresidenz mit Alsterblick und konfrontiert ihn mit dem Ausstellungskatalog. Er beginnt vom Kriege zu erzählen, schweift ab, schmückt aus, verliert sich in nahezu anekdotischen Details der Schlachten, will nach Ansicht der Tochter nicht zur ureigenen Sache kommen.

Aber wie kann er „Ich“ sagen, wenn sich doch alles im Kollektiv der Armee vollzogen hat? Wie kann er den unfassbaren’Krieg, die Sprache und auch noch die eigenen Erinnerungs-Bilder zur Deckung bringen? Ein zähes langes Ringen beginnt. So sehr verbeißen sie sich in ihren Dialogen, dass sie beide auch gesundheitlich darunter leiden.

Traurige „Helden“ des Erinnerns

Zwischendurch gibt es, gleichsam als „Urlaub von der Front“, Momente familiärer Zärtlichkeit. Dann sieht sich Katja wieder als Kind an der Hand des gütigen Vaters, dem sie nun Halt geben müsste. Doch ihr Wahrheitsdrang ist ebenso mächtig.

Man legt sich eine vage Formel zurecht: Der Vater war seinerzeit „immer dagegen und immer dabei“. Es erhebt sich die alte Frage: War Widerstand, war Neinsagen möglich? Wer das nicht selbst erlebt hat, so Musbach, solle sich nicht zu raschen Urteilen aufschwingen.

Die bislang vor allem mit Lyrik und erotisch gründelnden Romanen hervorgetretene Ulla Hahn hat offenkundig viel zum Kriegs-Thema recherchiert. Nicht durchweg hat sie ihre Erkenntnisse in Romanhandlung überführt, sondern einigen Stoff nur pflichtschuldigst abgearbeitet und dabei sprachlich zuweilen geschludert. So bleiben die Figuren letztlich eher Thesenschlepper, die unter ihrer Beweislast ächzen.

Nur selten verdichten sich die Befunde. Neben der Spur liegen die halbkomischen Genre-Szenen vom belanglosen Einerlei in der Seniorenresidenz. Vielleicht soll’s den Kontrast zur quälerischen Selbstbefragung steigern, wer weiß: Die Einen wiegen sich beim Tanztee. die Anderen werden zu traurigen „Helden“ des Erinnerns.

Ulla Hahn: „Unscharfe Bilder“. Deutsche Verlags-Anstatt. 288 Seiten, 18,90 Euro.

image_pdfPDFimage_printDrucken

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
Dieser Beitrag wurde unter Geschichte, Krieg & Frieden, Literatur abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.