Der Drang ins Grenzenlose – Uraufführung von Tankred Dorsts Stück „Die Wüste“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Blühende Zeiten für die Dortmunder Bühnen. Am kommenden Sonntag wird die Grass-Oper „Das Treffen in Telgte“ uraufgeführt, am letzten Samstag kam im Schauspiel erstmals Tankred Dorsts Stück „Die Wüste“ heraus. Bemerkenswert, dass solche Autoren dem Haus vertrauen.

Neuerdings pilgern ja selbst Kölner Theaterfans nicht nur nach Bochum, sondern just auch nach Dortmund. Nun also zieht es sie in jenes ortlose, hitzig-flirrende Gelände, das allerlei unausgelebte Sehnsüchte der Zivilisation entfacht: die Wüste. Bleibt’s eine dramatische Fata Morgana, oder findet Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer die Oase?

Tankred Dorst (79) ist 1962 auf Partikel des Stoffs gestoßen, seither hat er sich in kreativen Schüben wiederholt darauf zubewegt und sich endlich tiefer hinein begeben. Zentrale Figur ist der historische Charles de Foucauld, um 1900 französischer Kolonialoffizier in Nordafrika. Der Kerl fraß das Leben wohl wie ein Berserker, hurte haltlos herum und wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Später begann er ein zweites Leben als Eremit im entlegenen Gebiet der algerischen Tuaregs – auf mystischer Suche nach dem Unbedingten, nach Gott und Tod und überhaupt. Im wirklichen Kirchenleben gibt’s einen Orden der „Kleinen Brüder Jesu“, der auf seinen Spuren wandelt, und Foucauld soll zu Pfingsten 2005 selig gesprochen werden.

Mit der Hure Mimi in der Badewanne

Und auf der in gleißendem Weiß gehaltenen Dortmunder Bühne? Da begegnet uns anfangs ein lauthals dröhnender Soldat, der sich mit der Hure Mimi (herrlich kapriziös auf ordinäre Art: Silvia Fink) in der Badewanne ergeht.

Doch schon in den Sekunden-Ritzen dieser Gier lässt der Schauspieler Harald Schwaiger auch eine wachsende Verstörung ahnen, diesen notorischen Drang ins Grenzenlose, der sich später vom Sinnlichen abwenden und in ein selbstmörderisches Märtyrertum ergießen wird. „Töte mich!“ hallt es schon zu Beginn mit Geisterstimme in den Lüften. Tatsächlich wird der Einsiedler durch einen Kopfschuss enden.

Sind also wildester Lebensrausch und quasi-religiös unterfütterte Todessehnsucht zwei Seiten derselben dunklen Sache? In diesem Sinne hat sich Tankred Dorst (der sich erst nach der Aufführung im Foyer sehen ließ) vorab geäußert. Offenbar ist die über weite Strecken spannende Inszenierung, die vor allem bis zur Pause durch dichte Figurenführung überzeugt, seiner Intention treulich gefolgt. Und zwar auf geschmackssichere Weise, wenn man davon absieht, dass am Ende Foucauld an einer Rakete hängt wie Jesus am Kreuz.

Der Asket Foucauld wälzt sich wollüstig in seinen Visionen

In seiner Einsiedelei filtert Foucauld mit einem Grammophon-Trichter die „Stimme Gottes“ aus dem Äther, kauert halbnackt auf einem Sockel und weiß abermals dröhnend von seinen Grenzerfahmngen zu künden. Der Lüstling hatte bereits einen Hang zum Eremitentum, und noch der Asket wälzt sich geradezu wollüstig in seinen Visionen. Seine taumelnde Haltung und seine manchmal auch so träge resignierende Stimmlage haben sich kaum verändert. Dieser europäische Mensch ist und bleibt einer, der letztlich nur sein Ich steigern will – gleichgültig, in welche Richtung.

Die Wüste scheint ohnehin vielerlei schwankenden Wahn zu wecken. Zwischendurch hält die Inszenierung Ausschau nach heutigen Wüsten-Vorstellungen zwischen Hippie-Trip, komischer Geschäftstüchtigkeit (Skorpione für den Verkauf nach Europa einfangen) und touristischem Irrsinn.

Ach, Europa! Hier mündet selbst Todeswunsch in bloße Theatralik. Alles nur Auftritt, nur ichversessenes Spiel: Ein Strang des Geschehens zeigt in Paris jene Marie (äußerlich kühl, innerlich brodelnd: Birgit Unterweger), die vermeintlich ihren Mann Hector (hübsch geckenhaft: Bernhard Bauer) mit Zyankali töten will, um der ach so aufregenden „Verbrecher“-Seele Foucauld notfalls in die Hölle zu folgen. Doch es ist nur romantische Attitüde, für deren bühnenreife Folgen selbst Hector artigen Beifall spendet. Bei einem Attentat wird er doch noch sterben, inmitten eines explodierenden Büffets, einer Aggression gegen westlichen Luxus also. Spätestens mit diesem Horror ragt das Stück ins Heute hinein.

Termine: 6., 19. März; 8., 16., 30. April. Karten: 0231 / 50 27 222.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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