„Mobbing gegen Dortmund“ – Oberbürgermeister Sierau regt sich mächtig über den letzten „Tatort“ auf

Gruppenbild beim Drehstart zur „Tatort"-Folge „Zorn": das neu formierte Dortmunder Ermittler-Team mit (v. li.) Martina Böhnisch (Anna SChudt), Peter Faber (Jörg Hartmann), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon). (Bild: WDR/Thomas KOst)

Gruppenbild beim Drehstart zur „Tatort“-Folge „Zorn“: das Dortmunder Ermittler-Team mit (v. li.) Martina Böhnisch (Anna Schudt), Peter Faber (Jörg Hartmann), Nora Dalay (Aylin Tezel) und dem Neuzugang Jan Pawlak (Rick Okon). (Bild: WDR/Thomas Kost)

Heißa! Lustig und zünftig geht’s wieder zu in Dortmund. Alle Menschen tragen Lederhosen und tanzen zu gutturalen Jauchzern Schuhplattler. Ach nee, das war ja typisch München.

Hier in Dortmund stehen die Depravierten hingegen schon morgens schwankend und fluchend mit Bierpullen vor rostigen Zechen- und Stahlkulissen bzw. elendiglich verkommenen Häusern `rum und wissen gar nichts mit sich anzufangen, außer eben unentwegt zu saufen und gelegentlich lebensgefährliche Gewalt auszuüben. So jedenfalls konnte man den wirklich arg klischeelastigen ARD-„Tatort“ („Zorn“) vom vergangenen Sonntag verstehen. Falls es da überhaupt etwas zu „verstehen“ gab.

…und dann auch noch ein „Reichsbürger“

Es war vielleicht die bislang schwächste Dortmunder „Tatort“-Folge. Das allzeit konfliktreiche Trüppchen um Depri-Kommissar Faber musste sich diesmal durch eine ziemlich hanebüchene Kraut- und Rüben-Story wühlen. So anti-pittoresk wie in diesem Fall mag es in gewissen Gegenden Dortmunds gegen Mitte der 1980er zugegangen sein. In dieser vielerorts zusammengestoppelten Industriekulisse musste partout auch noch ein durchgeknallter „Reichsbürger“ untergebracht werden – auf dass die Sache so richtig vorgestrig „von heute“ sei und schön schaurig wirke.

Ein anderes Ding ist es freilich, sich darob so kriminal aufzuregen, dass man gleich einen Brief an den letztlich zuoberst zuständigen WDR-Intendanten Tom Buhrow schreibt. Darunter tut es ein Oberbürgermeister wie Ullrich Sierau (SPD) nicht, er wird sich doch nicht mit subalternen WDR-Fuzzis herumschlagen.

Soll etwa Gelsenkirchen einspringen?

Dortmunds OB, der realiter gerade dabei ist, städtische Ordnungskräfte mit Schlagstöcken aus- und aufzurüsten (eine recht umstrittene Maßnahme), hat sich einst gefreut, als der „Tatort“ in die Stadt kam. Jetzt aber ist ihm der Kragen geplatzt, er spricht von „Mobbing gegen Dortmund“ und findet sogar, wenn es so laufe, könne man auf die Dortmunder „Tatort“-Folgen gänzlich verzichten.

Ja, will Sierau denn etwa, dass die Krimireihe, die früher in Essen (Haferkamp alias Hansjörg Felmy) und Duisburg (Schimanski alias Götz George) nachhaltig Furore gemacht hat, reviermäßig nach Bochum oder gar Gelsenkirchen abwandert? Immer hübsch mit Schalke- statt mit BVB-Wimpeln und sonstigen lokalen Devotionalien garniert? Wie auch immer: Es empfiehlt sich wohl ein gelassener, souveräner Umgang mit der Materie. Am besten gar nicht mal ignorieren…

Auf die erwartbare Wischiwaschi-Reaktion von Tom Buhrow auf Sieraus Brief muss man derweil nicht allzu gespannt sein. Die Weichspül-Flüssigkeit steht sicherlich schon bereit.

Bemerkenswert übrigens, dass selbst die Geschichte vom Sonntag bei vielen Menschen weit außerhalb von Dortmund offenbar mal wieder bestens angekommen ist. Faber gilt als „Kult“. Und er hat ja auch nie versprochen, Stadtwerbung machen zu wollen.

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Eine erste Reaktion des WDR auf Sieraus Kritik findet sich hier.

 

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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Ein Kommentar zu „Mobbing gegen Dortmund“ – Oberbürgermeister Sierau regt sich mächtig über den letzten „Tatort“ auf

  1. Paul Blösl sagt:

    Moin Bernd.

    Mal die Meinung eines recht weit weg wohnenden Schuhjodlers und -plattlers.
    1. Zum betreffenden Tatort allgemein
    1.a. Ich empfand diese großteils morbiden (oder anti-pittoresken, wie du schreibst) Bilder als schön und sehr stimmungsvoll, auch wenn sie vielleicht nicht (mehr) der aktuellen Realität entsprechen.
    1.b. Dass der Fall eher so zusammengestöpselt war – Zustimmung. War mir aber egal, da eben durchaus mittels der Bilder und vor allem all den zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen innerhalb des Teams aufgewogen (wie ich allgemein die Story um das Team – ähnlich wie beim Rostocker Polizeiruf – fast spannender finde, als die einzelnen Fälle. Ob sowas jetzt unbedingt im Rahmen des Tatort gemacht werden muss ist eine andere Diskussion – für mich hätten beide ein eigenes Format verdient.
    1.c. Ich hätte im Anschluss gern die Fortsezung gesehen 😉

    2. Tourismustauglichkeit:
    2.a. Es scheint modern zu werden, dass der Tatort wegen „negativer Regional-Publicity“ kritisiert wird (war da nicht vor kurzem was wegen Schwarzwald oder so?). Wollen die Herren und Damen aus der Politik daraus ein Tourismus-Marketing-Projekt machen?
    Für mich kann ich sagen, dass die gezeigten Bilder mich nicht von einem Dortmund (oder Gelsenkirchen oder …)-Besuch abhalten können – eher im Gegenteil (ich kenne live aus’m Pott ja bisher nur Duisburg, das ist Jahrzehnte her – Schimi-Zeit – und es hat mir gefallen).
    2.b. Die München/Bayern-Klischees sind ein eigenes Thema, obwohl auch grad beim Münchener Tatort oft genug die menschlichen Abgründe und Verzweiflungen thematisiert wurden, wenn auch, zugegebenermaßen in anderer Kulisse. Aber nicht weniger bedrückend (trotz oder gerade wegen Tracht und Hoamad und Zeugs).

    Ach, es gäbe noch viel zu schreiben, aber es gibt auch wichtigere Themen. In dem Sinne … Glückauf, bis irgendwann im Pott.

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