Wenn Kunst sich zum Event wandelt – Caspar rockt: Die C. D. Friedrich-Schau in Essen steuert auf 250 000 Besucher zu

Von Bernd Berke

Essen. Davon kann man in Dortmund einstweilen nur träumen: Eine Kunstausstellung, die jetzt stracks auf 250 000 Besucher zusteuert – und freitägliche Öffnungszeiten bis 24 Uhr (heute ist es wieder so weit). Die Schau „Caspar David Friedrich. Die Erfindung der Romantik“ im Essener Museum Folkwang dürfte in diesem Jahr regionale Rekorde aufstellen. Woran mag’s liegen?

Besagter Freitag mit der Möglichkeit zum Besuch bis Mitternacht. Zwar gibt es gerade keine Warteschlangen bis zur Straße hinaus, doch das Haus ist in diesen Stunden durchaus sehr belebt. Erstaunlich genug: Auch zahlreiche jüngere Leute sind am späten Abend hier, die man um diese Zeit eher auf diversen anderen „Szenen“ erwarten würde. Das Folkwang-Museum hat es offen bar verstanden, die Friedrich-Werke als „Event“ zu inszenieren, das man erlebt haben muss. Respektlos gesagt: Caspar rockt! Es ist ja auch wahr: Derart viele Werke des Romantikers an einem Platze, das wird es so bald nicht wieder geben.

Noch dazu handelt es sich um ein ausgesprochen interessiertes Publikum. Die allermeisten haben Führungen gebucht oder sich zumindest einen Audio-Guide besorgt, der die wichtigsten Arbeiten näher erläutert. An diesen Stellen der Schau muss man sich eben ein wenig in Geduld fassen, bevor man etwa berühmte Gemälde wie „Wanderer über dem Nebelmeer“ (um 1818) oder „Das Eismeer“ (um 1823/24) näher betrachten kann. Ganz für sich allein hat man sie nie.

Dieser seidige Glanz in den Augen

Wer einen gruftigen Hang zum Morbiden (Ruinen, Gräber, Eulen usw.) haben sollte, wird hier vielfach fündig. Was man aber vor allem zu „sehen bekommt, sind Sehnsuchtsbilder, die ins Unendliche weisen, zumeist hoffnungsvoll in ein besseres Jenseits. Womöglich gibt es in diesen unruhigen Zeiten einen speziellen Bedarf. Das Innehalten und die Kontemplation, wie sie Caspar David Friedrich unfehlbar anregt, scheinen vielen Leuten höchst willkommene Gemütszustände zu sein.

Bei genauerem Hinsehen und mit etwas Phantasie lässt sich sagen: Vor solchen Bildern bekommen die meisten Menschen unversehens einen anderen Blick, sozusagen einen seidigen Glanz in den Augen. Beispielsweise: Schöne Frauen, die ein Friedrich-Bild betrachten, werden auf diese Weise noch ein bisschen schöner. Ehrlich.

Zurück zur Prosa. Ohne einen potenten Sponsor wie e.on Ruhrgas wäre ein solches Ereignis kaum möglich. Der Konzern hat landauf landab nicht nur für massive Werbung gesorgt, sondern durch beste Kontakte nach Russland wohl auch bewirkt, dass etliche Friedrich-Schätze aus der Eremitage von St. Petersburg etwas reibungsloser nach Essen gelangt sind.

Nach dem Ferienende könnte der bis zum 3. September verlängerten Ausstellung noch einmal ein gehöriger Besucherschub bevorstehen. Außerdem gibt es erfahrungsgemäß eine Art „Torschlusspanik“, bevor eine derartige Schau endet. Kleiner Trost: Wer die Bilder in Essen partout verpasst, kann die Ausstellung zur Not noch in Hamburg sehen.

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INFORMATIONEN

Nächste Station: Hamburg

  • „Caspar David Friedrich. Die Erfindung der Romantik“. Noch bis zum 3. September im Museum Folkwang, Essen (Goethestraße). Ôffnungszeiten: Di-So 10-18,Fr 10-24 Uhr. Eintritt 5 Euro. Besucherbüro: 0201/88 45 301.
  • Anschließend wandert die Ausstellung weiter in die Hamburger Kunsthalle. Dort wird sie vom 7. Oktober 2006 bis zum 28. Januar 2007 zu sehen sein.
  • Als Bewohner Westfalens sollte man die Schau möglichst noch in Essen sehen. Abgesehen von der weiteren Anfahrt gen Norden: Der Eintritt kostet in Hamburg glatt das Doppelte: 10 Euro. Auch gibt es in Hamburg keinen spätabendlichen Besuch.
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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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