Aus der Provinz ins Herz des Bösen – „Tannöd“-Autorin Andrea Maria Schenkel legt ihren zweiten Krimi „Kalteis“ vor

Von Bernd Berke

Alte Regel der Literatur: Das zweite Buch ist oft das schwerste. Dies gilt wohl auch für Andrea Maria Schenkel, die gleichsam aus dem Nichts heraus mit dem durchaus achtbaren Krimi „Tannöd“ einen verblüffenden Bestsellererfolg erzielt hat. Seit gestern ist der Nachfolger „Kalteis“ auf dem Markt. Was ist dran?

Schon der Wortlaut des Titels klingt artverwandt. Vor allem aber hat Frau Schenkel die Machart ihres Erstlings als Masche aufgegriffen. Wieder geht es um einen historischen Kriminalfall, wieder um mehrfachen Mord.

Erneut ist Bayern der Schauplatz, was (sprachliches) Regionalkolorit nach sich zieht – über bloße Folklore hinaus. Und abermals hat die Autorin quasi nach Aktenlage“ geschrieben, sprich: Sie hat sich fleißig in Archiven umgesehen. Um etwaige Plagiatsvorwürfe (wie sie bei „Tannöd“ erhoben wurden) von vornherein auszuschließen, nennt sie ihre Quellen im Nachspann ganz penibel.

Die Geschichte spielt in den 30er Jahren. Gleich der Einstieg zitiert ein NS-Dokument vom Oktober 1939, das den Fall „abschloss“. Darin werden die sofortige Hinrichtung des Täters und absolute Geheimhaltung verfügt, der Serienmörder war „Arier“ und NSDAP-Mitglied.

Das wollen die Nazis nicht wahrhaben: Dass einer der Ihren, der sich als „aufrechter Deutscher“ gerierte, ein Vergewaltiger und Sexualmörder war, der immer wieder jungen Mädchen auflauerte.

Die Mischung des Erstlings als Masche aufgegriffen

Sodann werden Tathergänge rück- und vorwärts abgetastet – mit der vom Erstling her bekannten Mischung aus Erfindung und Dokumenten. Im Grunde stehen Täter wie Opfer früh fest, doch die literarische Montage verrätselt die Abläufe durch Zeit- und Perspektiv-Sprünge – eine forcierte Unübersichtlichkeit.

Schenkel rückt ihren Figuren gern mit dem Präsens ganz nah zuleibe. Dabei gelingen ihr durchaus spannende, dichte Passagen von schlichter Eindringlichkeit. Doch es sind keine ausgeführten Charaktere, die dabei entstehen, sondern soziale Typen. Welche Dramen sie erleben, steht bereits durch ihre Herkunft fest.

Diese Vorbestimmung trifft auch auf die blutjunge Kathie zu, die aus ärmlichen Verhältnissen der bayerischen Provinz nach München kommt, um hier ihr Glück zu machen. Dass ihre rührend naiven Träume nie wahr werden, fürchtet man sogleich. Zwar werden ihr ein paar eigene Attribute angeheftet, doch auch sie gewinnt wenig individuelle Kontur.

Nach und nach verliert diese Kathie in der Großstadt (Sittenbild über Sodom, Gomorrha und Gonorrhoe) jeglichen Halt und gibt damit ein ideales Opfer für begehrliche Männer ab. Man weiß: Dies wird ihr früher oder später zum Verhängnis werden. Zumal die Gewalttaten gegen andere junge Frauen derart detailsatt und drastisch geschildert werden, dass man schon von voyeuristischen Anwandlungen sprechen kann. Nur gut, dass dies kein Mann phantasiert hat. Andrea Maria Schenkel senkt ihre Sonden also wieder ins finstere Herz des „absolut Bösen“; ganz so, als gelte es, einen beschwörenden Exorzismus einzuleiten.

Durch „Tannöd“ dürfte der kleine Hamburger Verlag Edition Nautilus auf Jahre hinaus saniert sein. Hat das Lektorat Andrea Maria Schenkel etwa geraten, auf bewährte Manier in der Erfolgsspur zu bleiben? Wäre man gemein, so würde man dies „Wiedervorlage-Literatur“ nennen. Diese Autorin kann vermutlich mehr.

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ZUR PERSON

Senkrecht gestartet

  • Andrea Maria Schenkel wurde 1962 in Regensburg geboren. Sie lebt mit Familie in Nittendorf bei Regensburg.
  • Ihr Debütroman „Tannöd“ war ein Senkrechtstart und führte viele Wochen lang die Bestsellerliste an. Auflage bislang: etwas über 250 000 Exemplare.
  • Sie erhielt den deutschen Krimi-Preis und den „Glauser“ (fürs beste Krimi-Debüt).
  • Die dreifache Mutter verriet, sie habe ihren Erstling heimlich geschrieben – abends, wenn die Kinder im Bett lagen.
  • Startauflage des neuen Buches: 50 000 Stück.
  • Derzeit arbeitet sie bereits an ihrem dritten Werk. Diesmal soll es eine frei erfundene Geschichte sein.

 

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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