Die verrückte Liebe einer Heiligen – Lars von Triers Film „Breaking the Waves“

Von Bernd Berke

Die Geschichte spielt Anfang der 1970er Jahre, doch sie hat Züge einer Heiligen-Legende. Lars von Triers Film „Breaking The Waves“ ist ein erstaunliches und bewegendes Werk, das ganz quer zu unserer Zeit steht. Es handelt von Unmaß und Kraft der Liebe, Keuschheit, verzweifelter Hingabe und teuflischer Versuchung.

Bess lebt im abgelegenen Norden Schottlands. Sie ist noch Jungfrau und verströmt ihre ganze „aufgesparte“ Liebe, als sie jenen Jan kennenlernt, einen herzlich-rauhen Burschen, der auf einer Ölbohrinsel draußen auf dem Meere arbeitet. Wie glücklich Bess bei der alsbaldigen Heirat lacht, wie unschuldig ihre Augen leuchten! Bei den Szenen der Hochzeitsfeier gerät die Handkamera ins Taumeln, sie irrt mit heftigen Reißschwenks von Gesicht zu Gesicht, als könne auch sie das Glück gar nicht fassen.

Wahrhaftig, Bess hat etwas von einer verklärten und freudvollen, aber auch seltsam „verrückten“ Heiligen, die ihre Hochzeitsnacht wie ein Sakrament vollzieht. Doch die schöne Zeit ist bald vorüber, als Jan für viele Wochen auf die Bohrinsel zurückkehren muß. Dort geschieht das Schreckliche: Das bedrohlich mahlende Gestänge trifft ihn am Kopf – und er wird gelähmt bleiben. Physisch kann er Bess fortan nicht mehr glücklich machen.

Bess, über die wir erfahren haben, daß sie wegen einer psychischen Störung behandelt worden ist, hatte so innig ersehnt, daß Jan (Stellan Skarsgard) bald heimkehren möge. Er kommt ja wirklich nach Hause, jedoch als halbtoter Mann per Rettungshubschrauber.

Bess fühlt sich schuldig, schuldig, schuldig; Als habe ihr Wünschen das Unglück heraufbeschworen. Sie pflegt Jan, und sie führt beständig naiv-innige Zwiesprache mit Gott. Diese Gebete aber wirken wie schizophrene Schübe. Und dann brütet dieser Jan auf seiner Bettstatt eine ungeheuerliche Idee aus: Er drängt Bess dazu, mit anderen Männern zu schlafen und ihm dann zu berichten. Auf diese Weise könnten sie beide wenigstens noch den Geist der Erotik für sich destillieren.

Bess opfert sich aus lauter Liebe. Sie wird zur „Maria Magdalena“, zur heiligen Hure. Kaum zu glauben, wie die großartige Emily Watson (eines der besten Debüts der letzten Jahre!) diesen Wandel und die inneren Kämpfe spielt. Wie sie, zutiefst angewidert und erleuchtet zugleich, in den Landbus steigt und einen schäbigen alten Mann auf den hinteren Sitzen mit dem Munde befriedigt – nur, um Lars davon erzählen zu können.

Ihr Leidensweg ist lang. Schließlich, als sie im Dorf längst von der Kirche ausgestoßen und von Kindern mit Steinen beworfen worden ist, gibt sie sich, vollends selbstlos und opferbereit, gar einem sexuellen Sadisten in die Hände. Und siehe: Sie stirbt, Jan aber gesundet gegen alle medizinische Voraussage. Ist also ihre Selbstverleugnung vom Himmel belohnt worden? Eine überirdische Geschichte.

Der Regisseur formt, ohne Berührungsängste vor vermeintlichem Kitsch, ein überwältigendes Epos, das einem die Tränen in die Augen treibt. Die Kapitel des über zweieinhalbstündigen Films werden jeweils von grandiosen Naturbildern eingeleitet – und von Popsongs jener Jahre. Beim ersten Hinhören wirken diese Musik-Einschübe deplaziert, zu gering für das Geschehen. Doch vielleicht will Lars von Trier uns bedeuten: Seht, mit welchen schalen Reizen ihr eure Zeit vertan habt, während andere so lebten und litten.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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