Geschichte ist wie ein flüchtiger Duft – John Updikes „Erinnerungen an die Zeit unter Ford“

Von Bernd Berke

Wie riecht Geschichte, wie schmeckt sie, wie fühlt sie sich an? Wie nähert man sich ihr mit allen Sinnen, ohne den großmächtigen Abstraktionen der Haupt- und Staatsakte aufzusitzen?

Solche Fragen bewegen den Geschichtsprofessor Alfred C. Clayton, den Ich-Erzähler im neuen Roman von John Updike. Auf Anfrage einer historischen Kommission soll sich Clayton an die Präsidentschaft von Gerald Ford (Amtszeit 1974-77) erinnern. Doch seine Antwort fällt anders aus, als es die stockseriösen Herren wohl erwartet haben. Für Clayton besteht die Ära Ford nämlich weniger aus großer Politik, als aus seinen eigenen Privatgeschichten. Gerade dort, so findet er, weht mehr vom Geist der Epoche als im öffentlichen Leben.

Die Essenz der Ford-Ära liegt für Clayton z. B. im unverwechselbaren Duft. Zeitgenössische Schnupper-Szene an der Uni: „Das Aroma von hundert jungen Mädchen, die plappernd, kauend, an Strohhalmen saugend auf den Sofas und Sesseln hingerekelt lagen (…) dieser Duft ist ein Zugang zur Wahrheit, zur historischen Wahrheit.“

Evolution des Geschlechtsverkehrs

Updike gibt natürlich wieder der Sexualität breiten Raum. Im Hinblick auf Fords Präsidentschaft skizziert er etwa eine Art „Geschichte des Geschlechtsverkehrs“ zwischen den 1950er und den 1970er Jahren – von unsäglicher Prüderie bis zum gleichfalls öden Orgasmuszwang vor dem Aids-Schock. Updike erweist sich einmal mehr als fintenreicher Großmeister des Bettlakens. Kein anderer weit und breit, der Sex so fruchtig darstellt.

Jener Prof. Clayton erzählt nicht nur sein Leben (Trennung von Ehefrau Norma samt Kindern, Hinwendung zu diversen Geliebten), sondern unterlegt eine zeitliche Vergleichs-Folie. Denn sein frustriert abgebrochenes Hauptwerk handelt von einem früheren, nach landläufigen Maßstäben glücklosen Präsidenten der Staaten, James Buchanan (im Amt 1857-1861). Dessen Epoche und die von Ford werden im ständigen Wechsel gleichsam aneinander gerieben. Auch hier will Clayton intime Beziehungen als historischen Kern herausschälen.

Was gestern war, ist trügerisch

Er muß freilich resignieren: Der zeitliche Abstand und die vielen Lehrmeinungen haben längst das Eigentliche überlagert. Das Gestern ist unfaßbar geworden: „Die Vergangenheit ist ebenso trügerisch wie die Zukunft, und wir existieren benommen in der Gegenwart…“

Noch in Maria Carlssons sehr eingängiger Übersetzung ist der Stilwechsel spürbar: Während die 1970er Jahre bewußt schnoddrig erzählt werden, fließt der Wortstrom durchs 19. Jahrhundert behäbiger, vielleicht aber auch humaner, dem Gang menschlicher Dinge angemessen.

Für deutsche Leser nicht ganz leicht zu verdauen sind zahlreiche Details aus der Zeit Buchanans, der sich zwischen Befürwortern und Gegnern der Sklaverei aufrieb und die Staaten in den Bürgerkrieg schlittern ließ.

Wie also begreift man Historie? Ihre flüchtigen Geschehnisse scheinen ja schnell vom Winde verweht. Updikes/Claytons Schlußsatz nach 425 Seiten: „Je länger ich über die Zeit unter Ford nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, daß ich mich an nichts erinnere.“

John Updike: „Erinnerungen an die Zeit unter Ford“. Roman. Aus dem Englischen von Maria Carlsson. Rowohlt. 425 Seiten. 45 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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