Konkursrichter über das eigene Leben – „Die Sache mit dem Hund“ von Lars Gustafsson

Von Bernd Berke

Konkursrichter lenken für gewöhnlich die (Lebens)-Pleiten anderer Leute in juristische Bahnen. In Lars Gustafssons neuem Buch „Die Sache mit dem Hund“ muß ein solcher Richter über die eigene Biographie befinden.

Der Ich-Erzähler lebt, wie übrigens der schwedische Autor seit Jahren auch, bei Austin (Texas/USA). Er steht kurz vor seiner Pensionierung und hat somit Anlaß zur Zwischenbilanz. Von seiner Frau, die dem Alkoholismus zuneigt, lebt er in gemessener Alltagsdistanz. In ihrer beider Haus am Strom, der manchmal bedrohlich über die Ufer tritt, erlebt er buchstäblich den Fluß der Zeit. Während dies allmähliche Verrinnen die Stimmung des Buches elegisch grundiert, kommt es zu deutlicheren Konflikten.

Der rätselhafte Tod des vor langer Zeit aus Holland zugewanderten Nachbarn und Philosophie-Professors Van de Rouwers bringt es an den Tag: Der Denker, seit vielen Jahren ein Leitstern des Konkursrichters, war nicht als Widerstandskämpfer gegen die Nazis in die USA emigriert, sondern ganz im Gegenteil, weil er den NS-Rassismus durch Zeitungsartikel unterstützt hatte.

„Die Grausamkeit hat große Reserven“

Für den Konkursrichter bricht eine Welt zusammen: An einem solchen Unmenschen hatte er sich geistig orientiert! Nach seinen Gerichtssitzungen streunt der Konkursrichter nun durch fremde Gegenden und versucht, mit sich ins Reine zu kommen. Wir erfahren zudem, daß er in wütender Aufwallung einen anderen Streuner, nämlich einen Hund, erschlagen hat – diese „Sache mit dem Hund“ bringt seine Gedanken noch weiter aus dem gewohnten Gleis. Ein Satz, der vielfach aufgegriffen wird, rückt dies in die existentielle Dimension: „Die Grausamkeit hat große Reserven“, sinniert der Richter – und findet plötzlich überall Beispiele des in der Welt waltenden Bösen. Auch bei sich selbst.

Gustafsson siedelt sein in ganz kurze Streiflicht-Kapitel unterteiltes Buch in einer seltsam zwiespältigen Atmosphäre an. Einerseits geht das texanische Kleinstadtleben seinen Kriechgang täglicher Korruption, andererseits dämmert „political correctness“ herauf, jene stets sprungbreite moralische Empörung im Namen aller möglichen Minderheiten. Weder das eine noch das andere „schmeckt“ dem Richter, eigentlich fühlt er sich durchweg unbehaglich. Konkurs eines Lebens – oder einfach die mürrische Einsicht, mit zunehmendem Alter immer mehr „von gestern“ zu sein? Jedenfalls ein Buch, das einen so schnell nicht in Ruhe läßt.

Das allmählich nachlassende Gedächtnis des Richters spiegelt sich in häufigen Wiederholungen von Satz- und Sinnfetzen, so als wisse die Hauptfigur gar nicht mehr so recht, was sie bereits berichtet hat. Zugleich sorgt dies Stilmittel für erhellende Querbezüge. Gustafsson erzählt in täuschend leichtem Plauderton mit jener großen Gelassenheit, die man von ihm kennt und die so schätzenswert ist.

Lars Gustafsson: „Die Sache mit dem Hund“. Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Hanser Verlag, München, 240 Seiten, 34 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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