„Es muß über uns kommen“: Botho Strauß‘ Miniaturen und Etüden „Wohnen Dämmern Lügen“

Von Bernd Berke

Die Mythen stecken mitten im banalen Alltag. Sogar eine „Frau in vierfarbigem Jogginganzug“ birgt ihr Geheimnis. Denn sie stößt unvermittelt Möwenschreie aus. Ihre schockierenden Liebeslaute mit Tierstimme rufen uralte, vorhistorische Zeit wach. Derlei Magie ins heutige Leben zu verpflanzen, war seit jeher ein Bedürfnis von Botho Strauß. Auch in seinem neuen Buch mit dem Trance-Titel „Wohnen Dämmern Lügen“ betreibt er die Mischung der Zeiten und versetzt uns in eine Doppelwelt.

Ob an der Supermarktkasse oder bei der schnöden Arbeit im Büro – überall kann sich hier unversehens jener Riß in der schmucklosen Hülle bloßer Gegenwart auftun und den Blick freigeben „bis in die Urnebel“. Um solch mystische Tiefenschau faßbar zu machen, spannt Strauß keinen großen Handlungsbogen, er läßt sie vielmehr in lauter Miniaturen und Etüden kurz aufglühen – aus rasch wechselnden Perspektiven und mit immer neuen Rollenentwürfen in 37 kurzen Kapiteln.

Es ist ein vielgliedriges Buch mit einprägsamen kleinen Szenen, aus denen allmählich ein Überschuß an Vision hervorgeht: Da sitzt ein Mann auf einem verlassenen Bahnhof und erwartet einen Zug, der vielleicht nie kommen wird. Da stapft ein maskierter Vater, dessen kleine Tochter beim Festumzug Magenschmerzen bekommt, in seinem grotesken Kostüm zornbebend mit ihr heimwärts. Da gibt es ein altes Übersetzer-Ehepaar, das sich nur noch der vergeblichen Suche nach dem einen, allumfassend richtigen Wort widmet. Und so weiter, dutzendfach.

Vor allem das ziellose Liebesweh jetziger Menschen, bei denen oftmals eine Person nur Durchgangsmedium auf dem Weg zu einer unerreichbaren dritten ist, bannt Strauß nicht zuletzt in Beschreibung von verqueren Körper-Haltungen, die den Kern künftiger Theaterstücke erahnen lassen.

„Worte wie Huld, Dank und Ehre in ihrer alten Ordnung“

Nach gelegentlich dunklen und hochmütig klingenden Predigten sowie sehr mißverständlichen Essays („Anschwellender Bocksgesang“), hat Strauß sich wieder spürbar den tatsächlichen Dingen des Daseins genähert.

Wort für Wort tastet er sich heran an die Umrisse eines eigentlich Unsagbaren, erkundet behutsam Neuland. Das führt – häufig in Rollenprosa, also nicht ohne weiteres zu verwechseln mit Strauß‘ eigenem Tonfall – von Niederungen der tagtäglichen Sprache, von den Wonnen der Gewöhnlichkeit bis hinauf zu quasi-religiösen Eruptionen. Da sollen dann „Worte wie Huld, Dank und Ehre in ihrer alten Ordnung“ auferstehen, da soll gar „Die Ewigkeit“ wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden, denn: „Es muß über uns kommen, aus uns selbst kommt nichts mehr.“ Man wüßte schon gern, was er mit diesem „Es“ meint.

Die ausufernde, eifernde Rede voller Erlösungssehnsucht bildet zwar das Schlußstück des Bandes, doch Strauß relativiert den reißenden Wortfluß sogleich. Er legt ihn nämlich einem Mann in den Mund. der anfangs als Streithammel aus einer Kneipe geworfen wird und der schließlich im eigenen Sprachstrom geradezu ertrinkt und kollabiert. Was also ist es gewesen: Hellsicht oder Umnachtung?

Dieser wohlige Schauer von Kostbarkeit

Gewiß: Strauß bringt nach wie vor das eine oder andere, im Übermaß pretiöse Wort unter und erntet auch mit großer Gebärde entlegene Lektürefrüchte (z.B. Hamann oder Theodor Däubler). Doch das nehmen wir bei ihm längst gelassen hin, es vermittelt ja auch diesen wohligen Schauer von Kostbarkeit – ungefähr wie seinerzeit jener Werbespruch: „Zu wissen, es ist Platin…“

Entscheidend ist aber Strauß‘ beängstigend präziser Blick auf gärende (oder: bereits vergorene) Verhältnisse, wie sie sich ergeben aus allseitiger Auslösung von verläßlichen Bindungen. Wir sehen in seinem Buch Menschen, die unentschlossen zwischen losen Familienverbänden driften oder in Resten zerfallener Wohngemeinschaften verkommen. Wir erleben entgeisterte Straßenpassanten in einem untergründig gewaltsamen „Gerade-so-eben-noch-Frieden“, der die Gesellschaft in Gleichgültigkeit erstarren läßt. Wir erfahren von lauter Getrennten, Alleinerziehenden, in ihre diversen Unglücke Versenkten. Wer würde sich da nicht nach Erlösung sehnen? Sie muß ja nicht gleich ewig währen.

Botho Strauß: „Wohnen Dämmern Lügen“. Hanser Verlag, München. 203 Seiten, 34 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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