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Zum Tod des „Revierflaneurs“

Sein Blog www.revierflaneur.de war eines der anspruchsvollsten im Lande. Seine stupend kenntnisreichen Streifzüge auch durch entlegene und buchstäblich erlesene Gefilde der Literatur haben oft genug Neuland erschlossen, Hochinteressantes, meist von den Rändern her betrachtet. Beobachtungen des Flaneurs in seinen Essener Revieren konnten noch das Unscheinbarste erhellen, ja leuchten lassen; ganz ohne alle Ruhrgebiets-Klischees.

Jetzt ist der „Revierflaneur“ Manuel Hessling verstorben. Viel zu früh. Bestürzend früh. Man will es nicht wahrhaben. Sein Tod lässt einen nicht in Ruhe. Ganz so, wie er in kontroversen Diskussionen ungern Ruhe gegeben hat.

Manches hat er harsch verweigert, mit großer, geradezu erhabener Konsequenz. Er war ein entschiedener Gegner und Verächter des Autowahns, der Fernsehverblödung. Unausweichlich schien ihm die Apokalypse, der Niedergang der Menschheit, doch ohne jeden Trost der Religion. Glühend hat er für den Atheismus gestritten, darin fast schon wieder gläubig.

Wir haben einige Jahre nebeneinander her geschrieben, er war stets der Fleißigere, in gewisser Hinsicht auch der Unerbittlichere, der sich am Schreibtisch geradezu aufreiben konnte, unbestechlich, doch manchmal hochfahrend im Urteil. Ungenaue Formulierungen waren ihm ein Gräuel. Seine Texte hat er geschliffen wie Diamanten. Doch gerade einen solchen Vergleich hätte er wohl nicht gemocht.

Im Kulturblog „Westropolis“ (WAZ-Gruppe, 2007-2010) haben wir parallel gebloggt – und uns gelegentlich auf langen Kommentarstrecken bis ins Grundsätzliche hinein gestritten. Zwischenzeitlich sind wir gar vom „Du“ zum „Sie“ zurückgekehrt. Auf dem weiten Felde des Streits, der Auseinandersetzung schien er sich besonders wohl zu fühlen, allerdings nicht ohne Hang zur Versöhnlichkeit. Doch er wollte, dass man das Streiten ernst nahm, dass man nicht ins Unverbindliche auswich. Jede Art von Larifari war ihm zuwider.

Wunderbare Literaturrätsel hat er seinerzeit ersonnen, die das Feuilleton jeder überregionalen Zeitung geschmückt hätten. Wie ein gütiger Herbergsvater hat er mehrmals die „Westropolis“-Autor(inn)en versammelt. Es waren beinahe schon familiäre Treffen. Da zeigten sich seine anderen, nicht minder gewichtigen Seiten: das Gesellige, Humorvolle, die wache Bereitschaft zum höheren Nonsens.

Von Haus aus war er Buchhändler – und gewiss einer, der lesekundige Menschen noch richtig beraten konnte, darin vielleicht auch einem erzieherischen Impuls folgend. In letzter Zeit hat er nach und nach Teile seiner riesigen Büchersammlung verkauft – und darüber geschrieben, bibliophile Preziosen wie Freunde verabschiedend. Es tat schon weh, davon zu hören. Ich habe mir vorgestellt, dass mit jedem abgegebenen Buch der Besitzer gelitten hat. Er hat diese Befürchtung abgetan, als ginge es just um irdische Güter, von denen man sich ohnehin irgendwann trennen muss.

In den letzten Jahren hat er sich aufs Schreiben für sein eigenes Blog konzentriert, das reiche Früchte trug. Jeglichen Tag unterzog er sich der Arbeit am Text. Ich habe versucht, ihn als Autor für die „Revierpassagen“ zu gewinnen, er hat sich Bedenkzeit erbeten und sich dann doch fürs eigene Gelände entschieden. Aus seiner Sicht war das wohl richtig, denn er war letzten Endes ein Einzelkämpfer.

An der Frequenz, nicht aber an der Qualität seiner Beiträge hat man schließlich merken können, dass ihn offenbar die Kräfte verließen. Ein großer Optimist ist Manuel Hessling nicht gewesen, doch in seinem letzten Blog-Artikel vom 5. März weht mehr als ein Hauch von Melancholie. Und wenn man einen Wunsch äußern dürfte, so wäre es dieser: dass sein Blog zum Lesen, Denken und Andenken bestehen bleibe. Wer weiß, was da noch nachwirkt.

Manuel Hessling hinterlässt seine Frau Ursula und fünf Kinder. Ihnen gilt alles Mitgefühl.

Geschrieben von

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich Autor beim Kulturblog Westropolis. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.

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16 Antworten zu "Zum Tod des „Revierflaneurs“"

  1. Bernd Berke sagt:

    Das polnische Wort für traurig, wenn ich richtig nachgesehen habe?

  2. Marta sagt:

    Smutne

  3. […] gehört in einen Rückblick: Das Ruhrgebiet nahm Abschied vom Revierflaneur und Bernd Berke fand sehr bewegende Worte […]

  4. Michaela sagt:

    Gestern war die Beisetzung: sehr bewegend und traurig – aber nicht nur. Manuel war ein besonderer Mensch, und in der Trauerrede, die übrigens (auf seinen eigenen Wunsch hin) von einem befreundeten evangelischen Pfarrer gehalten wurde, kamen seine schwierigen, aber auch seine liebenswerten Charakterzüge sehr gut zur Sprache. Ich glaube, es hätte ihm selber ziemlich gut gefallen gestern!

  5. Nadine Albach sagt:

    Gerade erst habe ich Deinen Beitrag gelesen, Bernd, und bin sehr traurig. Es tut mir sehr leid, für die ganze Familie.

  6. Behind sagt:

    Herzliches Beileid auch von mir.

  7. Susi sagt:

    Grete, du bist die Erste, die auch an mich denkt. Danke!!!

  8. Ich werde ihn vermissen.

  9. Grete sagt:

    Ja, Susanne, es ist für Dich fürchterlich. Mein Mitgefühl hast auch Du.

  10. Hatice sagt:

    Soeben habe ich von Manuels Tod erfahren. Ich bin sehr traurig. Von ihm habe ich einiges gelernt, als ich zum ersten Mal in meinem Leben bloggte. Gütig war er, biss sich an Themen fest, freundlich, höflich, aber auch gnadenlos mit der Wahrheit. Er hat mir geholfen, mich mit seiner wohlwollenden und grundehrlichen Kritik weiterzuentwicklen – als Bloggerin, Autorin, aber auch als Mensch. Danke, Manuel. Wir werden Dich, Deine Klugheit und Deine Gradlinigkeit vermissen.

  11. Susi sagt:

    Ich habe mich zwar nie schriftlich in diesem Blog verewigt, ihn aber stets verfolgt.
    Vor allem, wenn ich mich mal wieder mit meinem Bruder gestritten habe. So erfuhr ich zumindest auf diesem Weg ein bisschen über ihn und was ihn bewegt, womit er sich beschäftigt.
    Übrigens, lieber Bernd Berke – er hinterlässt auch eine trauernde Schwester. Ich kann es nicht glauben.
    Mein Bruder ist tot!!

  12. Michaela sagt:

    Ich bin fassungslos – und wortlos.

  13. Günter Landsberger sagt:

    Bin traurig. –
    Dennoch. …
    Würdige Worte, lieber Bernd Berke. Ganz in meinem Sinne. Vielen Dank dafür.

  14. jan2801 sagt:

    ja, er hinterlässt eine große lücke.

    mein mitgefühl gilt seiner familie – meinen dank Bernd Berke für diesen beitrag.

    meine positiven gedanken widme ich Manuel, der mir stets feund und vorbild bleiben wird.

  15. […] Ruhrgebiet: Zum Tod des “Revierflaneurs”…Revierpassagen […]

  16. Ingo sagt:

    Ach Scheisse… mehr kann ich jetzt gar nicht sagen

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