Vom heiligen Recht auf Asyl bis zur großen Fremdenangst – Hans Magnus Enzensbergers Buch „Die große Wanderung“

Von Bernd Berke

Hat man von Hans Magnus Enzensberger schon einmal eine langweilige Seite gelesen? Wohl kaum. Er läßt von jeher seine Gedanken auch stilistisch funkeln. Doch paßt diese Leichtfüßigkeit auch zu jedem Thema? Paßt sie beispielsweise zur Asylpolitik?

Enzensbergers neuer Text „Die große Wanderung“ durchmißt auf bloß 76 Seiten eine imposante Gedankenstrecke. Geschrieben nach Hoyerswerda, aber vor Rostock und den Folgen, handelt das Buch in 33 kurzen Kapiteln von der weltweiten, nach des Autors Ansicht bei uns erst in Rinnsalen spürbaren großen Völkerwanderung, die den anonymen, aber unentrinnbar mächtigen Kapitalströmen rund um den Erdball folge.

Die Deutschen dürften sich, so stellt Enzensberger gleich klar, keinen Illusionen hingeben: Sie seien, bedingt durch geographische Mittellage und geschichtliche Verwerfungen, eh schon immer ein äußerst bunt gemixtes Völkchen gewesen. Von „Deutschtum“ keine Spur.

Negativer Beigeschmack seit der viktorianischen Ära

Enzensberger stellt ganz sachliche Erwägungen zur Asylpolitik im Hinblick auf Staatsfinanzen, Arbeitsmarkt und Bevölkerungsentwicklung an. Er unternimmt einen knappen Streifzug durch die Geschichte des Asyls seit der griechischen Antike (als die Gewährung von Zuflucht ein sakraler Brauch war) und meint, daß eine Unterscheidung zwischen politisch Verfolgten und Elendsflüchtlingen dem uralten Grundgedanken des Asyls widerspreche. Außerdem sei drückendes wirtschaftliches Elend ein ebenso massiver Grund zur Flucht wie Verfolgung. Negativen Beigeschmack habe das Wort Asyl überhaupt erst in der bigotten viktorianischen Ära bekommen, als man sich über Trinker- und Obdachlosen-Asyle empört habe.

Doch dann folgt, was „Linken“ nicht schmecken dürfte: Enzensberger äußert ein gewisses Verständnis für jene, die sich vom Zustrom der Asylbewerber bedroht fühlen. Fremde zunächst einmal instinktiv abzulehnen, sei menschliches Allgemeingut, befindet der Autor – und schildert als Beispiel jene wohlbekannte Szene aus dem Eisenbahnabteil, wo jeder neu Zugestiegene erst einmal unwillkürlich mit Mißtrauen behandelt werde – bis dann der nächste Neuankömmling die unbewußte Abwehr der „Eingesessenen“ auf sich zieht… Nur: Praktisch jeder ist halt irgendwann einmal Neuankömmling (gewesen).

Kritik an einer „Diskriminierung der Mehrheit“

Enzensberger geißelt auch jenen hilflosen Anti-Rassismus, der nur das seitenverkehrte Abziehbild des Rassismus sei, den er zu bekämpfen vorgebe. Hier drohe die Gefahr einer Verniedlichung (die jeden Ausländer zum edlen Gast stilisiere) und einer „Diskriminierung der Mehrheit“. Und: Multikulturelle Projekte seien zu oft gescheitert, um noch als Utopie durchgehen zu können.

Man mag Enzensberger vorwerfen, daß er mit scheinbar unbeteiligter Geläufigkeit über ein (tod-)ernstes Thema parliere. Daß er es an leidenschaftlicher, entschiedener Parteinahme fehlen lasse. Am Schluß holt er das übrigens nach, mit einem nun doch flammenden Appell an die Politiker, die endlich das staatliche Gewaltmonopol gegen rechtsradikale Umtriebe ergreifen müßten.

Doch fertige Lösungen bietet Enzensberger nicht an. Es geht ihm wohl vor allem darum, überhaupt erst einmal Denkblockaden aufzubrechen, manches besinnungslose Geschwätz der Tagespolitik zu relativieren. Er tut es mit unverwechselbarer Stimme.

Hans Magnus Enzensberger: „Die große Wanderung – 33 Markierungen“. Suhrkamp. 76 Seiten. 19,80 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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