Alltagsnicken (3): “Ich brauch’ ein Nappo”

Ich stand schon recht teilnahmslos auf Bahnsteig 4 des Hagener Hauptbahnhofes, diese teilnahmslose Grundeinstellung zum beginnenden Tag änderte sich auch nicht, als ich tapsig den Regionalexpress enterte, der ausnahmsweise die vorsichtshalber angekündigte Verspätung von ca. 5 Minuten nicht einhielt, sondern pünktlich war. Und anscheinend bereits ermattet von den Anstrengungen eines Morgens, der unweigerlich der Anfang eines Tages ohne nennenswerte Herausforderungen werden würde, sank ich im Parterre des Doppelgeschoss-Waggons auf einen freien Doppelsitz, um in die sogleich an meinen Augen vorbei brausende Umgebung zu dösen.

Da fiel mein müder Blick auf eine Krefelder Ausgabe der Westdeutschen Zeitung, die ich fast begeistert zur Hand nahm und spontan mit dem Studium dessen begann, was die Krefelder Kolleginnen und Kollegen für berichtenswert halten. So erfuhr ich, dass Willi Brücker 95 Jahre alt wurde, dass Apotheker Klaus Mellis davor warnt, zu oft zu duschen, dass auch in Krefeld der Sommer angebrochen ist, was fünf (vermutlich kreischende) Kinder mit einem Rudelsprung in Freibad-Wasser bildhaft belegen.

Und unter dem Bruch, nur die Zeile des Aufmachers lugt vorwitzig darüber, entdecke ich, dass für 14 Millionen Euro das ehemalige Nappo-Gelände zur Heimat für Familien umgestaltet werden soll. „Nappo“, nimmt die mählich erwachende Masse unter meiner Kalotte wahr. Sofort schnellt rautenförmiges Nougat-Süßzeugs, mit Schokolade umzogen und in wahlweise rotes, grünes oder blaues Silberpapier gehüllt, durch meine Gedanken, das ich gern nach Schulschluss an einem Büdchen erwarb und auf dem Heimweg den Zahnschmelz verheerend zu mir nahm.

Die Bude gibt es schon lange nicht mehr, meine ehemalige Schule kübelt noch immer gymnasiales Wissen in eine zahlenmäßig sinkende Schülerschaft und wie ich da in der Westdeutschen Zeitung sehe, auch von Nappo existiert nur mehr der Name, denn die ehemalige Produktionsstätte von zahnärztlichen Zulieferknabbereien ist planiert und wartet nun auf 200 Bewohner von Niedrigenergiehäusern, die dort entstehen sollen.

1920 war das Unternehmen, das genau unter Nappo-Dr. Helle & Co. GmbH & Co. KG firmierte, gegründet worden. In ganz guten Tagen machten 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Produkte marktreif, die ruinösen Einfluss auf die natürliche Kauleiste von Kindern nahmen. 1994 noch erweiterte die Hartnougat-Firma ihr Angebot um das legendäre Eiskonfekt von Moritz aus Hamburg. 2006 missrieten dann alle Rettungsversuche und das Unternehmen gab auf – mancher mutmaßte, dass zu enges Engagement in Groß-Discounter-Regalen Teilschuld am Niedergang trug.

Und schon war ich am Zielort, musste mich noch sputen, dass ich den Zug verlassen konnte, ehe er wieder ins Rollen kam. Kompliment an die Kollegen der Westdeutschen, ein kleines Kästchen in der Aufmacherstory informiert auch Krefelder darüber, wer oder was Nappo war, die von dem Gelände bisher nur die planierte Daseinsform kannten.

Noch auf Bahnsteig 2 in Unna beschließe ich, heute Abend sowohl nach ein paar Rauten Nappo als auch nach Eiskonfekt zu schauen. Die Zähne kann mir das Zeug nicht mehr ruinieren, Ihr ahnt sicher, aus welchem Grund.

teilen, mailen, druckenShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterPin on PinterestShare on LinkedInShare on TumblrShare on StumbleUponEmail this to someonePrint this page
Dieser Beitrag wurde unter Alltag, Bekenntnisse, Kinderzeiten abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.