Alltagsnicken (2): Die Showband im Zug

So zwei- bis dreimal die Woche bauen sie sich im Eintrittsbereich des Zugabteils auf, der eine führt eine silberfarbene Trompete zum drucklosen Ansatz vor die Lippen, der andere tippelt mit flinken Fingern wie zum Aufwärmen über die schwarz-weiße Harmonika-Klaviatur – und dann legen sie los. Feuerwerkend, fröhlich lachend, virtuos musizierend tönt das Duo balkanesk anmutende Tonkaskaden in das mehr oder weniger besetzte Nahverkehrsmittel. Meist ist es ein bekannter internationaler Hit älteren Datums, der heimatklingend interpretiert wird. Je länger sein Vortrag andauert, desto wilder sein Rhythmus, um dann zum Ende der Darbietung in ein himmelwärts strebendes Crescendo zu verfallen, das mit einem schmetternden Sforzando seinen Abschluss findet. Meinem aktuellen Hörbuch zu folgen verbietet sich an diesem Punkt, erstens verstehe ich ohnehin kein Wort mehr und zweitens würde ich mich wegen offen vorgetragener, unhöflicher Nicht-zur-Kenntnisnahme gegenüber den tapferen Musikanten schlecht fühlen.

Danach tippelt der Harmonikaspieler wieder sanft über die schwarz-weiße Klaviatur, untermalt gekonnt den nächsten Schritt, sein Kollege mit dem drucklosen Ansatz fingert nach einem ausgedienten Kaffee-Behälter aus schottischstämmiger Fast-Food-Ketten-Schmiede und freundlich lächelnd bittet er um einen Obolus fürs Blechblasen und Harmonika-Tippeln. Ich entscheide dann je nach Tagesform, ob ich seiner Bitte nachkomme oder mich diesmal einer Ablasszahlung enthalte, weil sie eben so zwei- bis dreimal die Woche ihr Morgenständchen ins Abteil blasen bzw. quetschen. Da sie mich als Zuginventar erkennen, verziehen sie auch keine Miene und steigen anschließend mit mir in Unna aus. Wo sie dort das zweite Frühstück einnehmen, entzieht sich meiner bisherigen Beobachtung.

Heute nun geschah etwas bisher noch nicht Geschehenes: Das so zwei- bis dreimal die Woche stattfindende Ritual verlief wie immer. Allerdings hatten mit meiner Balkan-Showband in Schwerte auch die Mitglieder einer Schulklasse das Abteil erobert und gerade ihre Plätze eingenommen, als die ersten Takte kraftvoll erklangen. Das Klassenausflugs-Stimmgewirr versickerte alsbald im balkanesken Trompetenschall, die Kids zeigten wohlgelaunte Zuneigung für diesen wortsinnlichen Auftakt ihrer Schuljahresend-Reise und schnatterten dennoch gegen die Klänge an, sofern ihre Stimmbänder kurz vom dem Stimmbruch es zuließen.

Als das schmetternde Sforzando verebbte, die tippelnden Finger über die Klaviatur huschten und der Dizzy Gillespie der Nahverkehrszüge zwischen Schwerte und Unna seinen verknautschten Kaffeebecher in die Runde schwenkte, ereignete sich ein neuerliches, völlig anderes Sforzando: Die Kinder klatschten begeistert und dankten für die musikalisch fehlerfreie Unterhaltung. Die eine oder andere Münze landete zusätzlich im ramponierten Kaffeebecher – welch ein Triumph!

Ich hatte es noch nie miterlebt, dass meine Musikanten mit Applaus ins nächste Abteil verabschiedet wurden. Meist ernteten sie ein müdes Kopfnicken nebst einer Münze nicht näher bekannter Werthaltigkeit oder von beidem nichts, sondern die totale Ignoranz sich selbst geschäftig aussehen lassender Reisender. Kleinlaut stelle ich mich zumindest in die Reihe der Erstgenannten. Da muss ich mein Verhalten korrigieren, das lehrt mich der liebenswerte Applaus so herrlich unverbrauchter Schülerinnen und Schüler.

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