Alltagsnicken (5): Wir hatten doch noch telefoniert

Ich hatte gerade erst das Vermögen des schmerzfreien Gehens wieder erlangt, ich hatte den Frost des vergangenen Samstags aus meinen hinfälligen Knochen geschüttelt, ich saß verdrossen und missgelaunt – warum, das könnt Ihr ahnen – in meinem Büro, als mich ein Anruf erreichte.

Am anderen Ende der Leitung redete eine gewohnte Stimme fröhlich auf mich ein. Der Mann erläuterte mir quasi in einem Atemzug, dass er sich gerade im Krankenhaus befinde, es aber immer besser ginge, nur, dass es ihm schlecht werde, wenn er die Nachrichten über die umstrukturierende Erdrosselung der Westfälischen Rundschau lese und dass wir uns dringend baldigst zusammensetzen sollten, um gemeinsam über eine lokale Internetzeitung zu grübeln, deren Erscheinen nun umso dringlicher geboten sei.

Es war Klaus Seifert, der ehemalige Chefredakteur des Hellweger Anzeigers (HA), der Zeitung, die ab 1. Februar – nach den Visionen des Pontifex Maximus mit Namen Christian Nienhaus – in Unna und Kamen den lokalen Teil zur ganzkörperamputierten Rundschau liefern soll. Klaus Seifert, der war mal mein Chef, nachdem ich beim HA angeheuert hatte und bald darauf zur Rundschau wechselte. Wir haben stets gern zusammengearbeitet, haben bisweilen auch heftig gestritten, aber über eines hätte ich nie klagen dürfen, weil es nicht geschah: über Respektlosigkeit. Wie ich später von ihm erfuhr, galt das auch in umgekehrter Richtung.

Gestern glaubte ich nicht an ein Gerücht, das krakig durch die Stadt tentakelte, wehrte ich energisch ab und verwies darauf, dass ich doch am Montag noch mit ihm gesprochen habe, dass wir Alten noch an gemeinsamen Plänen arbeiteten. Heute musste ich feststellen, dass manches Gerücht erschütternd reale Hintergründe hat. Klaus Seifert, kaum 72 Jahre alt, ist nicht mehr am Leben. Das letzte worüber wir sprachen, war das gemeinsame Entsetzen über das Ende der WR. Er hat es kaum glauben wollen, wie zynisch kalt die Essener die Amputation durchzogen, wie wenig der Faktor Mensch zählte und fragte immer wieder nach, ob das denn wirklich so gewesen sei.

Nicht erst seit den miesen Nachrichten über die erschlagene Zukunft der WR wissen wir, wie sehr Zeitungen und ihre Macher die Kultur einer Stadt, die Atmosphäre in ihr mitbestimmen. Ein guter Freund und langjähriger Kollege, der auch als Ruheständler sich liebend gern einmischte, lebt nicht mehr. Klaus würde es mir nachsehen, dass ich bei den Gedanken an ihn beinahe automatisch diese Assoziation hatte: Bald werden noch viele andere Stimmen verstummen, weil ihr Rundschau-Sprachrohr nicht mehr existiert.

Ade, Klaus Seifert.

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