„Willy wählen“ war 1972 ein besonderes Bekenntnis

Wenn wir am 18. Dezember an den 100. Geburtstag des großen Politikers und Menschenfreundes Willy Brandt erinnert werden, wenn wir die entsprechende Sonder-Briefmarke mit dem Bild des Friedens-Nobelpreisträgers aufkleben oder vom Fernsehen an seine Lebensstationen herangeführt werden, dann kommen besonders bei den etwas älteren Mitmenschen wie mir zum Beispiel ganz persönliche Erinnerungen hoch.

Willy Brandt im März 1980 (Bild: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)

Als Brandt im September 1972 nach dem gescheiterten konstruktiven Misstrauensvotum gegen ihn als Bundeskanzler die  Vertrauensfrage stellte und diese absprachegemäß verlor, gab es einen sehr emotionalen Wahlkampf. Viele Menschen, auch Nicht-Sozialdemokraten, liefen mit dem rot-weißen Button und dem Aufdruck „Willy wählen“ durch die Lande. Als Student arbeitete ich damals in den Semesterferien nachts in der Druckerei der Münsterschen Zeitung, und dort führten die ovalen Buttons – wie auch in anderen Betrieben – zu scharfen Konflikten, und zwar nicht nur zwischen den Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlicher politischer Präferenz, sondern auch mit der Geschäftsleitung. Politische Dokumentation am Arbeitsplatz sei verboten, die Schildchen müssten verschwinden, lautete die Forderung. Die Schriftsetzer jedoch ließen sich nicht beirren und kamen jeden Abend wieder mit ihren Plaketten am Kittel an ihren Arbeitsplatz, und schließlich ließ man sie doch einfach gewähren.

Die Neuwahlen im November 1972 brachten dann den größten Erfolg für die SPD in ihrer Geschichte. Brandts Partei erhielt 45,8 Prozent der Stimmen und konnte ihre Ostpolitik ungefährdet zu Ende führen. Allerdings hielt der Friede nur zwei Jahre: Der Kanzler stürzte nicht nur über die eigenen Parteifreunde, sondern vor allem über seine naive Wirtschaftspolitik.

Das Ende ist bekannt: Der große Weltökonom und heutige Lieblings-Altkanzler der Deutschen, Helmut Schmidt, übernahm das Ruder. So tief in die Herzen der Menschen wie Willy Brandt eindringen, das konnte er jedoch nie. Als Brandt am 8. Oktober 1992 starb und anschließend in Berlin beigesetzt wurde, da konnte man bei vielen Bürgern echte Trauer spüren. Sie hatten ihn geliebt.

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Über Hans Hermann Pöpsel

Historiker und Germanist. Pensionierter Redakteur
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