Tosende Wellen, technische Wunderwerke, erhabene Momente – ein Buch zur Geschichte der Leuchttürme

Stünde im Kreuzworträtsel die Frage nach einem „größeren technischen Nostalgie-Objekt”, so könnte die Lösung entweder Dampflok oder Leuchtturm lauten. Mit beiden verknüpfen wir geradezu romantische Vorstellungen. Also kommt ein Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Wächter der See. Die Geschichte der Leuchttürme” gerade recht.

Nach dem hymnischen Motto „Britannia, Rule the Waves” kann es kaum erstaunen, dass sich mal wieder ein Engländer des Themas angenommen hat. R. G. Grants Buch (im Original: „Sentinels of the Sea”) hat denn auch eine gewisse angloamerikanische Schlagseite, was freilich kein großer Nachteil ist. Es setzt mit der abenteuerlichen Geschichte rund um den Bau des Leuchtturms von Eddyston (Südwestengland, ab 1696) ein, der durchaus einen Romanstoff abgeben könnte.

Eines der sieben Weltwunder

Doch richtet sich der Blick immer wieder in andere Zeiten, Erdwinkel und Meeresbreiten. Als frühes Inbild eines imposanten Leuchtturms gilt der Pharos von Alexandria (um 280 v. Chr.), von den Ptolemäern errichtet, stolze 140 Meter hoch und in der Antike als eines der sieben Weltwunder gerühmt. 1303 und 1323 vernichteten zwei Erdbeben das kolossale Gebäude.

Mit spürbarer Neigung zum Stoff und Liebe zum Detail erzählt Grant die Leuchtturm-Geschichte(n) sodann von den Alten Römern über die Hanse bis in die Epoche des Kolonialismus, in der England und Frankreich auch die technologischen Leitmächte waren – nicht zuletzt beim Leuchtturm-Bau. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts meldete dann auch (das sich eben erst national formierende) Deutschland entsprechende Ambitionen an, wie denn überhaupt die Geschichte der Leuchttürme nicht von den großen Linien der allgemeinen Historie zu trennen ist. Nicht zu vergessen: Etwas dermaßen Aufragendes zu errichten, mag auch männlicher Sicht insgeheim auch seine phallischen Implikationen gehabt haben. Dieser Seitenaspekt kommt im Buch jedoch nicht explizit vor.

Warum Küstenbewohner die Türme oft ablehnten

Zumeist entstanden Leuchttürme nach größeren Schiffskatastrophen an besonders gefährlichen Riffs und Meerengen. Freilich wehrten sich die Küstenbewohner häufig dagegen, weil nämlich die Plünderung von angelandeten Schiffswracks eine ihrer wichtigen Einnahmequellen darstellte…

Es ist nicht nur ein informatives, sondern auch ein spannendes Buch. Die Entwicklung der Technik wird Stufe für Stufe eingehend geschildert, sie führte etwa von der simplen Talgkerze und Holzfeuern (für die in bestimmten Landstrichen zahllose Bäume gefällt wurden) bis zur elektrischen Beleuchtung, immer raffinierteren Spiegeln und zur Fresnel-Linse, die das Licht zunehmend verstärkten und bündelten. Dichten Nebel durchdrangen sie jedoch alle nicht völlig, da mussten zuerst Signalhorn oder Glocke und später der Funk herhalten. Mit dem Funk endete dann allerdings auch die Blütezeit der Türme.

Bauarbeiten unter ständiger Lebensgefahr

Ein weiteres Hauptkapitel ist den einst lebensgefährlichen Bauarbeiten gewidmet. An einer stets wellenumtosten Stelle der Bretagne konnte man pro Tag nur rund eine Stunde tätig sein, so dass sich die Sache über sieben Jahre hinzog. Vielerorts waren die Arbeiter bei plötzlich stärkerem Wellengang lediglich durch Leinen notdürftig gesichert. Viele von ihnen haben das nicht überlebt. Auch sonst gemahnt das Abenteuer- und Gefahren-Niveau an Wagnisse wie etwa Polarexpeditionen. Erst als Erfindungen wie Pressluftbohrer und Sprengstoffe aufkamen, ließen sich Fundamente auf Felsen leichter gründen.

Die ganz große Zeit der Leuchttürme endete ungefähr in den 1920er Jahren. Schon um 1910 standen sie nicht mehr an der Spitze der technischen Entwicklung, sondern waren nur noch Nachzügler, im Buch wird das natürlich nautisch ausgedrückt: Sie gerieten demnach ins Kielwasser.

Diese heldenhafte Einsamkeit

Gegen Schluss des historischen Streifzugs erfahren wir, wie es jenen heldenhaften Einsiedlern, also den Leuchtturmwärtern erging, bevor schließlich immer mehr Türme unbemannt bleiben konnten. Da mag es Phasen erhabener Einsamkeit gegeben haben, doch ein leichtes Leben ist das bestimmt nicht gewesen. Unbedingte Zuverlässigkeit war gefragt, ehemalige Seeleute oder Soldaten wurden für den lebenswichtigen Beruf bevorzugt. Da das Amt andererseits oft über Generationen in der Familie blieb, gab es jedoch schon bald auch vereinzelt Leuchtturmwärterinnen. Wäre ja auch gelacht, wenn sie das nicht gekonnt hätten!

Die Bebilderung des Bandes besteht nicht in erster Linie aus Fotografien, sondern vor allem aus (oft seitenfüllenden) Plan- und Konstruktionszeichnungen. Es ist ein wenig so, als ob man den Erfindern und Ingenieuren über die Schulter schauen dürfte. Hier zahlt es sich übrigens aus, dass Dumont eben auch ein führender Kunstbuch-Verlag ist, der Illustrationen besondere Aufmerksamkeit angedeihen lässt.

„Geduldig und stumpf sitzt er da…”

Englischsprachige Dichter haben die vielleicht gewichtigsten Worte zum Thema ersonnen. So schrieb beispielsweise der US-Lyriker Henry Wadsworth Longfellow ein Gedicht mit dem Titel „The Lighthouse”, das vor allem die unerschütterliche Beständigkeit der wegweisenden Flamme preist. Biographisch noch näher dran war der Schotte Robert Louis Stevenson, der aus einer Familie von Leuchtturm-Konstrukteuren stammte. In seinem Gedicht „The Light-Keeper” (1870) erscheint der Leuchtturmwärter quasi als Opfergestalt, in der Übersetzung liest sich das so: „Der alles aufgibt, was im Leben angenehm ist, / Für die Mittel zum Leben. / (…) / Geduldig und stumpf sitzt er da, / Märtyrer eines Salärs.” Jetzt sagen Sie aber bitte nicht, dass es Ihnen im Job so ähnlich vorkommt.

R. G. Grant: “Wächter der See. Die Geschichte der Leuchttürme”. Aus dem Englischen von Heinrich Degen. Dumont Verlag. 160 Seiten Bildbandformat, Hardcover. 250 farbige Abbildungen, 100 s/w-Abb. 28 Euro. 

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Im Original kann man Robert Louis Stevensons oben erwähntes Gedicht u. a. hier nachlesen: https://www.poetrynook.com/poem/light-keeper

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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