Soziale Miniaturen (12): Gewaltsamer Augenblick

Er hat einen Schnäuzer wie aus 70er-Jahre-Pornos und trägt ungemein spitze Schuhe. So spitz, dass es schon lächerlich wirkt. Ein Überbleibsel aus einer anderen Ära. Die Parodie auf einen Zuhälter von damals.

Seine ganze Aufmachung steht pfeilgerade für Aggression, für Zustechen und Aufschlitzen. Und das ist nicht parodistisch, sondern bedrohlich.

Wie solch ein Mensch wohl sein tagtägliches Leben zubringt, aufs Ende zu und durch alle Wiederholungen hindurch?

Mit den Schuhspitzen wippt er ungeduldig. Fast schon ein Trommelfeuer. An der Supermarktkasse (immer wieder ein Ort für zwischenmenschliche Studien) sitzt mit gesenktem, vor Anspannung hochrotem Kopf eine junge Frau, die hier neu angefangen hat und daher etwas langsamer scannt. Dafür hat er absolut kein Verständnis. Immer drängender werden seine Laute des Unmuts, zunächst noch gemurmelt, dann vollends vernehmlich.

Nun aber steht hinter ihm einer, der die Rolle des Couragierten annimmt und unvermittelt fragt: „Wollen S i e den Job machen?“

Der zielgenaue Satz wirkt wie ein Zündfunke. Der mit den spitzen Schuhen wendet sich abrupt um, nimmt gleich eine kampfbereite Haltung ein: „Willst Du mich hier anlabern?“

Es ist, als würde sich da ein Schwall von archaischer Kriegslust in den Raum ergießen. In jedem Augenblick droht der Erstschlag niederzugehen. Für einige Sekunden lodert Gefahr. Alle anderen schauen schon, wohin man in Deckung springen kann.

Doch sei’s ein Rest an sozialer Kontrolle im Geschäfts-Gedränge, sei’s eine andere Hemmung: Die Lunte brennt ins Leere. Nur noch eine Lichtspur der Gewalt züngelt und zischelt hernach im Raum.

Vielleicht hat später am Tag jemand für diesen Einhalt büßen müssen.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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