Damit die alten Filme nicht zerbröseln – Archivare stemmen sich gegen den Verfall von historischen Dokumenten in NRW

Von Bernd Berke

Duisburg. Kaum zu glauben, dass dies einmal Filme gewesen sein sollen: Eine Dose enthält nur noch ein seltsam bräunliches Pulver, aus einer anderen riecht es übel nach Essigsäure. Was immer auf den Streifen drauf gewesen sein mag – sie sind unwiederbringlich dahin!

Gegen derlei optischen Gedächtnisverlust stemmt sich der „Arbeitskreis Filmarchivierung NRW“. Federführend ist Sabine Lenk, Leiterin des einzigen Filmmuseums im Lande. Sie hat die zerbröckelten Filme zur Anschauung mit nach Duisburg gebracht. In ihrem Düsseldorfer Institut befindet sich das größte Filmlager von NRW, das sich über 1000 Quadratmeter erstreckt und laut Lenk „noch Platz für neue Fundstücke bietet.“ Dort lagern bereits Tausende Spulen bei konstanter Temperatur und einer idealen Luftfeuchtigkeit von nur 25 Prozent. Filme könnten auf diese Weise – so eine erstaunliche Schätzung – theoretisch bis zu 1000 Jahre überdauern.

Auch Alltagsszenen auf „Super 8″ gesucht

Zahlreiche Filmschätze im Lande sind allerdings bedroht, darunter rare Dokumente zur Vergangenheit Westfalens und des Ruhrgebiets. Selbst in städtischen Depots werden sie oft nur unzureichend verwahrt. Um zu retten, was zu retten ist, bieten die Institutionen, die hinter dem Archivkreis stehen (siehe Infos am Schluss), sachkundige Hilfe an. Und sie suchen nun verstärkt nach verborgenen Kleinoden auf Zelluloid. Auch Alltagsszenen aus dem privaten Bereich sind gefragt. Hans Hauptstock vom WDR-Archiv: „Der Badeausflug der Dortmunder Familie zum Sorpesee kann auf seine Art ein historisches Belegstück sein.“ Also: Alle mal nachschauen, was sich seinerzeit (beispielsweise auf „Super 8″) so angesammelt hat…

Der Archivkreis wurde vor 15 Jahren auf Anregung des damaligen Kulturministers Hans Schwier gegründet und meldete sich gleich mit einer „Bielefelder Erklärung“ zu Wort, die zur Erhaltung filmischer Werte aufrief. Jetzt erneuert eine „Düsseldorfer Erklärung“ den Appell und bittet um finanzielle Förderung durchs Land. Denn schon die Restaurierung eines einstündigen Streifens kann leicht um die 10 000 Euro kosten.

Immerhin: Seit 1991 ist einiges geschehen. Der Archivkreis hat systematisch rund 400 wichtige Fundorte für Filme aufgespürt – vom Wirtschafts- und Polizeiacrhiv bis hin zu kirchlichen Sammlungen. Fast überall gammelten regionale Bestände vor sich hin. Farbtöne waren verblasst, ganze Filme zerbröselten allmählich, waren bereits  unauflöslich verklebt oder brüchig geworden. Einiges hat man bewahrt und teilweise auf neuere Medien umkopiert. Anfangs war Nordrhein-Westfalen mit solchen Aktionen bundesweit Vorreiter, inzwischen hat Baden-Württemberg gleichgezogen.

Ein ständiger Kampf mit der Zeit

Beim Sichten und Bewahren historischer Filme führen die Experten seit jeher einenKampf mit der Zeit, sprich: vor allem mit technischen Neuerungen. Nachdem der Tonfilm aufkam, sind etliche Stummfilme verrottet. 1957 wurden Nitratfilme verboten, weil sie so leicht entflammbar sind. Folglich interessierte sich kaum noch jemand für das Material, es wanderte häufig in die Mülltonne. Ähnlich erging’s der Normal-8- und der Super-8-Schmalfilmtechnik, als die Videokassette aufkam. Die wiederum wird von digitalen Speichermedien verdrängt: CD-ROM, DVD, Festplatte. Deren Verfallszeiten liegen bei wenigen Jahrzehnten. Zudem kommt ständig neue Software heraus, so dass bald niemand mehr mit früheren Varianten umgehen kann. Probleme genug.

Was aber geschieht mit den glücklich geretteten Filmen? Sie sollen nicht nur im Archiv schlummern, sondern wissenschaftlich ausgewertet und möglichst oft gezeigt werden. So manche TV-Dokumentation hat schon Honig aus diesem Fundus gesogen, so etwas Paul Hofmanns nostalgischer WDR-Dreiteiler „Als der Ruhrpott noch schwarz-weiß war“, der derzeit im „Dritten“ wiederholt wird (Teil 2 am 27. November).

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HINTERGRUND

Universitäten der Region ins Boot holen

  • Zum 1991 gegründeten NRW-Arbeitskreis Filmarchivierung gehören u. a. folgende Einrichtungen:
  • Das Filmmuseum Düsseidorf (Schulstraße 4, 40213 Düsseldorf, Tel.: 0211/899-3788).
  • Das NRW-Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf.
  • Das Archiv des Westdeutschen Rundfunks (WDR).
  • Die „Kinemathek im Ruhrgebiet“.
  • Das Medienzentrum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).
  • Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen.
  • Das Duisburger Filmforum.
  • Das Wirtschaftsarchiv der Firma Mannesmann.
  • Dringend erwünscht, aber noch nicht verwirklicht ist eine engere Kooperation mit den regionalen Universitäten.
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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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