Wo man „Draufhauen“ studieren kann – Schlagzeuger Gereon „Gerry“ Homann ist Westfalens einziger Rockdozent an einer Musikhochschule

Von Bernd Berke

Münster. Marktgeschrei muss manchmal wohl sein, etwa so: „Erster Rock’n’Roll-Dozent Deutschlands: „lch muss immer auf irgendwelchen Sachen rumhauen!“

So kernig und boulevardesk empfahl die Uni Münster kürzlich den Schlagzeuger Gereon „Gerry“ Homann der öffentlichen Aufmerksamkeit. Teilerfolg: Die WR hat den Mann, der auch schon für den Dortmunder Kultrocker Philip Boa getrommelt hat, jetzt in Münster besucht.

Dass er Deutschlands erster Rock-Dozent sei, mag Homann (31) selbst nicht beschwören. Sagen wir mal: Westfalens erster Rock-Dozent. Ja, das dürfte stimmen. Vorher gab’s in dieser akademischen Sphäre nur Spezialisten für Klassik oder Jazz. Homann, selbst öfter bei jazzigen Sessions aktiv: „Die Grenzen waren früher starr und sind heute fließend.“

Die Fäden aufnehmen und weiterspinnen

2005 wurde der Job bundesweit ausgeschrieben, Homann durfte ran. Seither firmiert er an der Musikhochschule Münster als Lehrender für „Drum-Sets und Combo-Teaching“, sprich: Er bringt den Studenten Grob- und Feinmotorik fürs rockige Schlagzeugspiel bei und kümmert sich ums fruchtbare Zusammenwirken in einer Band. Genau auf die Anderen hören, die Fäden aufnehmen und weiterspinnen. Auf solider Basis. Aber auch spontan im Hier und Jetzt.

Nicht nur nebenher spielt Homann weiter in Formationen wie derzeit vor allem „Eat the Gun“. „Ohne Auftritte kann ich mir das Leben nicht vorstellen. Ich brauche das. Und die Studierenden haben etwas davon, dass ich weiter Band-Erfahrungen sammle.“

Unvereinbares Dasein zwischen der Uni und Konzerten vor bis zu 20 000 Leuten? Hier geht’s ganz beflissen zu, dort muss es ordentlich fetzen? Gereon Homann: „Nee, nee, gerade in der Band zählt auch Disziplin.“ Umgekehrt: An der Uni ist Spaß an der Sache beinahe Pflichtfach.

„Spuren der Seele“ sollen hörbar werden

Was lernen die etwa 18- bis 27-jährigen (überwiegend männlichen) Studierenden bei ihm? „Die können alle schon was. Sie haben eine schwierige Aufnahmeprüfung hinter sich. Wir versuchen dann im Einzelunterricht, die Technik Schritt für Schritt zu verbessern.“ Mühsame Feinarbeit. Wie schlägt einer auf die Drums, welche Wege nehmen seine Hände, welche Kraftlinien werden da sichtbar? Wie verändert sich ein bekannter Song, wenn er neu arrangiert wird? Von nichts kommt nichts. Von wegen „einfach draufhauen“.

Aber: „Technik ist längst nicht alles. Schlagzeuger sollen – wie alle Musiker – ,Spuren ihrer Seele‘ hörbar machen.“ Eigene Wege gehen, vielleicht unverwechselbar werden. Und: „Talent genügt nicht. Harte Arbeit ist gefragt, jeden Tag.“ Da ist sie wieder, die harte Disziplin. Wenn alles gut läuft, gründen die Absolventen später erfolgreiche Bands oder werden gefragte Studiomusiker. Manche wollen auch nur reinschnuppern und wenden sich dann der Klassik zu. Ein Umweg kann nicht schaden. Man muss erst spüren, wohin es einen zieht.

Spezielle Vorbilder? Homann: „Ich habe keine musikalischen Götter. Man kann bei so vielen etwas abschauen. Jede Musikrichtung hat ihre eigenen Emotionen.“ Und dann nennt er doch mit glänzenden Augen Phil Rudd, den Drummer von AC/DC. „Wenn der loslegt, ist pure Energie im Raum.“ Salopper gesagt: „Da gibt’s richtig was auf die Mütze.“ Okay.

Jetzt noch ein Foto. Gereon Homann, sonst ein ausgesprochen freundlicher Mensch, setzt dazu rasch eine aggressive Miene auf. Klarer Fall von Imagepflege. Zusatz-Begründung:„Auf Fotos wird überhaupt viel zu viel gelächelt.“ Ob er den Studierenden auch solche Tricks für die Karriere beibringt?

 

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ZUR PERSON

Mit sieben Jahren am Schlagzeug

  • Gereon „Gerry“ Homann (31) hat mit sieben Jahren erstmals am Schlagzeug gesessen. Es folgte eine Laufbahn in Schülerbands.
  • Sein Vater, Musikschulleiter, hätte den Sohn lieber am Klavier gesehen.
  • Statt dessen studierte Gereon Homann „Klassisches Schlagzeug“ an der Musikhochschule Münster, dann an der Folkwang-Hochschule in Essen. Abschluss 2002, im selben Jahr Folkwangpreis im Bereich Jazz.
  • Er spielt(e) mit Gruppen wie „Philip Boa & The Voodoo Club“ (bis 2003). „Black Gallon“, „Pussy Fever“ und „Eat the Gun“.
  • Mit „Eat the Gun“ auf Tour, u. a. in diesen Städten: 4. Oktober Köln (MTC), 12. 0kt. Soest (Sonic), 30. Nov. Lüdenscheid (Alte Druckerei).
  • Musikhochschule Münster, Ludgeriplatz 1. Tel.: 0251/48 233-61.
  • Klassisch orientierter Leiter der Schlagzeugklasse ist Prof. Stephan Froleyks.
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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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