Allein mit der Ewigkeit – zum 100. von Ernst Jünger

Von Bernd Berke

Als der Zweite Weltkrieg 1945 endete, war dieser Mann bereits 50. Und 1914, als der Erste Weltkrieg begann, war er auch kein Kind mehr, sondern 19 Jahre alt. Heute wird der Schriftsteller Ernst Jünger 100. Eine ungeheuere Lebensspanne. Aber muß man ihn deswegen in mythische Höhen entrücken?

Nein, das muß man nicht. Auch wenn Autoren wie z. B. Botho Strauß oder Rolf Hochhuth in letzter Zeit geradezu vor ihm niederknien: Der am 29. März 1895 in Heidelberg geborene Ernst Jünger hat den Zerfall der Weimarer Demokratie und das Heraufdämmern der NS-Diktatur mit bebendem Pathos gefeiert. Derlei Denk-Schuld wird durch kein biblisches Alter getilgt.

Den Jugendlichen zog’s fort zur Fremdenlegion. In den Ersten Weltkrieg stürzte er sich dann – wie so viele – mit wilder Begeisterung. Vierzehn Verwundungen trug er davon. 1920 erschien sein Erstling „In Stahlgewittern“. Weit entfernt von Ernüchterung nach den furchtbaren Schlachten, pries Jünger die „stählernen“ Soldatenkörper und ihre „Erlösung“ im Blutrausch, doch er selbst schritt – äußerlich kalt bis ans Herz – so gut wie unversehrt durch alle kommenden Katastrophen, warf sich nie mehr an vorderste Fronten. Der Geistes-Aristokrat legte sich eine Attitüde der Unnahbarkeit zu. Mit Haut und Haaren ließ er sich auf nichts mehr ein, er stand über allem.

Im Rhythmus der Maschinen

1932 erschien „Der Arbeiter“. Einer wie Jünger ließ sich damals zwar auch vom bolschewistischen Menschenbild anregen, doch in den Proletariern sah er beileibe keine ausgebeutete Klasse, sondern kraftstrotzende Titanen, die sich mit dem Rhythmus eiserner Maschinen verschwistern. Ein mitleidloser Männerbund, ganz wie das Militär. Für Frauen war in dieser grausigen Welt kein Platz, auch nicht für etwaige Opfer von Gewalt.

Die Nazis verachtete Jünger insgeheim als niedere Plebejer, nachdem er ihren Ungeist mit heraufbeschworen hatte. Im besetzten Paris residierte er als deutscher Statthalter, nachdem er das Inferno der Eroberung auch schon mal bei einem guten Glas Wein als ästhetisches Schauspiel genossen hatte. Ein preußischer Herrenreiter, der auf strenge Ordnung hielt, sich aber vom flammenden Chaos faszinieren ließ und auch schon mal im Selbstversuch Rauschmittel nahm.

Daß ihn heute gerade französischeIntellektuelle so verehren, hat wohl mit dem Hang zu erzdeutschen Gegenbildern gallischer Leichtigkeit zu tun: Wagner, Nietzsche, Heidegger, Jünger. Vier tiefe Abgründe.

Einzelne mag Jünger mit Anstand vor dem Tod gerettet haben, doch das schlimme Ganze hat er ohne Gegenwehr geschehen lassen. Stets neigte er dazu, Politik und Geschichte unter biologischen Vorzeichen zu sehen, wie unabwendbare Naturereignisse. An all dem ändert auch seine Schrift „Auf den Marmorklippen“ (1939) wenig, die als Schlüsselroman über Konflikte zwischen NS-Bonzen verstanden werden konnte.

Die Kälte des Beobachters

Oft hat man Jüngers Sprachstil über die Maßen bewundert. Doch neben wie aus Marmor perfekt gemeißelten Passagen gibt es auch etliches Blendwerk. Die gerühmte Klarheit ist im Kern oft Banalität. Nicht selten schreibt Jünger unerträglich gravitätisch, indem er noch die geringsten Dinge aus seinem Umkreis zu Ausgeburten des Weltgeistes erklärt. Seine seit 1980 erscheinenden Tagebücher „Siebzig verweht“, deren vierter Teil jetzt herausgekommen ist, zeigen ihn mit Ur-Mutter Erde und der Ewigkeit allein, erhaben über alle Gegenwart.

In der mit Witz sowieso nicht überreich gesegneten deutschen Literatur dürfte der studierte Zoologe zudem einer der humorlosesten Autoren sein. Ein kalter Beobachter, dem seine Käfersammlung mehr zu bedeuten scheint als die Geschicke mancher Menschen.

Seine Texte legen es nahe, daß man sie gegen den Strich liest. Seine Vergöttlichung des Soldatischen enthüllt sehr präzise die Triebkräfte fataler „Männerphantasien“. Ähnlich verhält es sich mit der Vision vom Maschinenmenschen. Als einer, der Materialien bereitstellt, ist Jünger mithin unschätzbar. Doch er selbst hat die Lehren aus seinem Jahrhundert-Leben nicht wirklich gezogen.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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