Nichts mehr zu retten – T. C. Boyles dystopische Storys „Das Ende ist nur ein Anfang“

Riley ahnt noch nichts von den Erschütterungen, die bald über ihn hereinbrechen und unzählige Opfer kosten werden. Um seinen neuen Roman in Frankreich vorzustellen, fliegt der US-Autor nach Paris. Als seine Frau Caroline ihn anruft und sich Sorgen macht, weil sich in Europa ein bisher unbekanntes Virus ausbreitet und erste Tote zu beklagen sind, wiegelt Riley ab und witzelt: „Mir passiert schon nichts. Schick mir einen Schutzanzug, okay? Für den Rückflug.“

Das Lachen wird ihm schnell vergehen. Denn nicht er, sondern Caroline wird vom Virus erfasst und getötet. Als bei der Trauerfeier Carolines Bruder, ein bigotter Christ und Plattitüden absondernder Schwätzer, von Jesus und Auferstehung predigt und sagt: „Das ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang“, überkommt Riley Wut und Zorn: „Ich weiß nicht, wo du Jesus findest, aber Carolines Moleküle sind da drüben, in der Urne mit dem Blumenkranz – und ein paar vielleicht noch im Kamin des Krematoriums.“

Die Geschichte vom Schriftsteller, der von der Pandemie aus der Bahn geworfen wird, ist eine von zwölf Storys unter dem Titel „Das Ende ist nur ein Anfang“. Fast alle berichten von existenziellen Erlebnissen und ausweglosen Erfahrungen. Die Wunden der Welt, die T. C. Boyle mit literarischem Messer offenlegt, sind nicht mehr heilbar, der Mensch ist ein verlorenes Wesen. Nichts kann die zum Untergang verdammte Spezies retten, die die Gefahren der Klimakatastrophe relativiert, den Einflüsterungen von Demagogen erliegt und in einem Meer aus Gewalt versinkt.

Selten war T.C.Boyle so radikal und zugleich so angewidert von der Politik. In „Kalter Sommer“ lässt Boyle eine ländliche Idylle im Schnee versinken. Das Wetter spielt verrückt. Die Stromversorgung bricht zusammen. Und wo keine digitalen Geräte mehr funktionieren, bricht schon bald das Chaos aus. Die Zivilisation ist brüchig. Die Natur schlägt zurück, fordert Demut und Respekt. Das erlebt auch ein Schriftsteller, der so eindringlich vom tödlichen Schicksal einer Familie erzählen will, dass der Leser das Grauen nachempfinden soll. Um die Authentizität zu steigern, geht er in seiner Geschichte („Was die Fotos nicht zeigen“) noch einmal denselben Weg, wie die auf einer Wanderung durch einen Canyon den Hitzetod gestorbene Familie. Er durchlebt alle ihre Qualen, kann aber im letzten Moment von Suchmannschaften gerettet werden – und entschließt sich, seiner Story ein Happy End zu verpassen, eine idealisierte Welt zu erfinden: „Die Welt, wie sie sein sollte, wie sie sein muss, wenn wir weiter in ihr leben wollen.“

Wie die von Trump und anderen verhunzte Welt in der nahen Zukunft aussehen könnte, skizziert Boyle mit einer Dystopie („2036“). Wenn er allerdings den Blick von den Abgründen der amerikanischen Welt abwendet, wo ein frustrierter Mann ein Zufallsopfer sucht und erschießt, einfach weil er es kann und will, und dann nach Indien („Der Menschenfresser“), Japan („Das nichtexistierende Kind“) oder Spanien („In vino veritas“) zoomt, schaut er wie ein Tourist auf eine fremde Welt und kommt über kulturelle Klischees kaum hinaus. Schade.

T. C. Boyle: „Das Ende ist nur ein Anfang“. Storys. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser. 240 Seiten, 25 Euro.

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