Welthaltige Selbsterkundung: „Die Scham“ von Annie Ernaux

„An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.“ Erschütternder kann ein Buch wohl kaum beginnen.

Es ist der Anfangssatz von Annie Ernaux‘ Selbsterkundung unter dem Titel „Die Scham“. Bereits 1997 erschien „La Honte“ (Originaltitel), dessen übertragene Wortbedeutung zwischen Scham und Schande oszilliert, bei Gallimard in Paris. Jetzt liegt das Buch, das so recht zu keinem Genre passen mag, auf Deutsch vor, offenkundig kongenial übersetzt von Sonja Finck. Dankenswert auch, dass dieses Werk für uns noch nachträglich „entdeckt“ worden ist.

„Die Scham“ umfasst gerade einmal 111 Textseiten – und rekonstruiert doch einen ganzen Weltausschnitt rund um jenen Junitag des Jahres 1952, als die Erzählerin (recht unverhüllt die Autorin selbst) beinahe 12 Jahre alt war und jene furchtbare Urszene mitansehen musste, die sich fortan weder begreifen noch gar tilgen ließ und sich zur allgegenwärtigen Scham verfestigte, zum alles überschattenden Gefühl, nicht mehr zugehörig zu sein. An einer Stelle übersetzt Sonja Finck dies mit einem eventuell erzdeutschen Ausdruck: „… diese Erfahrung der Nichtung …“

Zitat:

„Von jetzt an lebte ich in der Scham.

Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die so empfindet.“

Jäh und heillos „ins Unglück stürzen“ („gagner malheur“) – diese Redewendung erfasst den eigentlich unbeschreiblichen Zustand zumindest näherungsweise. Unfassbar schon, dass die dreiköpfige Familie kurz nach dem wahnsinnigen Mordversuch eine Radtour unternommen hat, als wäre nichts geschehen – und dass Eltern und Kind überhaupt nie mehr auf das Ereignis zu sprechen gekommen sind. Eine schreckliche Redehemmung, über Jahrzehnte hinweg.

In einem geradezu heroischen Schreib-Unterfangen sucht Annie Ernaux, gleichsam eine Ethnologin ihrer selbst, sich alle wesentlichen Dinge zu vergegenwärtigen, die sie in jener Zeit geprägt haben. Daraus entsteht nach und nach nicht weniger als die (freilich fragmentierte) Welt eines französischen Provinzörtchens zwischen Rouen und Le Havre, also in der Normandie. Immer mehr kleine, doch bedeutsame Details lagern sich an, Introspektion und Welthaltigkeit sind hier keine Widersprüche. Trotz aller Bemühungen stellt sich zwischendurch Resignation ein: „Es gibt keine wirkliche Erinnerung an sich selbst.“ Und dennoch: Es muss versucht werden.

Die Selbstvergewisserung beginnt mit der Betrachtung zweier Porträt-Fotografien von 1952. Bin ich das? Bin ich dieselbe? Es folgen eingehende Recherchen in Lokalzeitungen des betreffenden Jahrgangs. Daraus erwachsen Splitter eines Zeitbildes, das nun weiter und weiter ausgeführt wird. Besonders die einander überlagernden und verstärkenden Zwangswelten der Familie, der unmittelbaren Nachbarschaft mit ihren schier unendlich vielen Verhaltensregeln und noch weitaus mehr die katholische Privatschul-Erziehung, vorwiegend durch Nonnen, verdichten sich zu allumfassenden Begrenzungen und Beschränkungen – bis in einzelne Worte und Gesten hinein. So kompliziert können die sogenannten „einfachen Verhältnisse“ sein, zumal dann, wenn sie mit Aufstiegssehnsüchten einhergehen.

Merkmale sind engstirnige Provinzialität und immerwährende Furchtsamkeit, überwölbt von schärfstens definierten Klassen- und Schichtenzuweisungen, die mitunter einen Straßenzug vom nächsten abgrenzen. Hier wissen alle, wohin sie gehören und was sich gehört – und wehe, wenn nicht. Umso absurder der Ausbruch, die mörderische Szene zwischen Vater und Mutter, die das Buch aus verschiedenen Distanzen umkreist. Als Lesender bekommt man es geradezu mit der Angst zu tun, mit den Augen der Leidenden die unverstellte Wahrheit nochmals von Nahem ansehen zu müssen – und sei es „nur“ in der nunmehr mit Wissen angereicherten Beschreibung. Doch was ist überhaupt Wahrheit in all dieser Wirrnis?

Aller Lakonie, allen ernüchterten Feststellungen zum Trotz ist dies ein mitreißendes Buch, in dem man keine Zeile auslassen sollte, so überaus genau ist es durchgearbeitet. Nein, es ist keinesfalls einfach, so einfach zu schreiben. Im Gegenteil. Was immer hier flüchtig oder unvollendet wirken mag, ist exakt auf diese Weise angemessen. Denn wer wollte in geläufigen Formulierungen über derlei rohe Tatsachen oder über deren Verbrämung sprechen? Wer wollte dieser bestürzenden Realität mit fertigen Erkenntnissen der Psychologie oder der Alltagsweisheit beikommen?

Annie Ernaux: „Die Scham“. Bibliothek Suhrkamp. 111 Seiten, 18 Euro.

Weitere Bücher von Annie Ernaux: „Die Jahre“, „Der Platz“, „Eine Frau“ – alle im Suhrkamp-Verlag.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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