Tageszeitungslandschaft im Revier: Nun mogelt sich die WAZ auch durchs Vest Recklinghausen

Wer die Szene etwas genauer kannte, und derer waren und sind ja nicht so wenige, dem war schon beim zynisch vorgetragenen Ableben der „Westfälischen Rundschau“ klar: Dabei wird es nicht bleiben und niemand möge sich innerhalb der Konzerschaft „Funke“ (einst WAZ-Gruppe genannt) in die Wiege der Sicherheit träumen nach dem Motto: Nun haben die da oben das angeranzte Stück abgehackt, nun geht es wieder bergauf.

Nö: Schritt Nr. 2. erfolgt im Vest Recklinghausen. Wo sich die WAZ seit ihren frühen Eroberungsversuchen mit der „Vestischen“ balgte und nie siegen konnte, setzt sie wieder einmal das „neue Funke-Modell“ um. Sie lässt diesmal allerdings ihren eigenen Titel ohne eigenen Inhalt bestehen, bedient sich aber bei den Nachfahren der legendären Annemie Bauer, dass deren Lokalredaktionen ihr, der unterlegenen Langzeitkonkurrenz, die regionalen und lokalen journalistischen Beiträge liefert. Kennen wir doch: Nun gibt es auch eine WAZ mit was drin, das aber nicht von WAZ-Redaktionen stammt.

Die Leserinnen und Leser, die Bürgerinnen und Bürger, Abonnentinnen und Abonnenten – ja sicher auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der dortigen WAZ-Ausgaben werden am Samstag, 13. April, ab 11.30 Uhr an unterschiedlichen zentralen Stellen der Stadt Recklinghausen symbolisch das „Zeitungssterben“ vor Ort körperlich darstellen. Aufgerufen haben dazu beteiligte Gewerkschaften (u.a. ver.di, DJU und DJV).

„Die WAZ-Ausgabe ,Unser Vest‘ wird damit – wie die Westfälische Rundschau – zu einer lokaljournalistischen Mogelpackung. In Recklinghausen, Marl, Herten, Haltern am See, Datteln, Waltrop und Oer-Erkenschwick wird es künftig nur noch eine einzige Tages-zeitung mit einem eigenständigen Lokalteil geben“, heißt es in einem Flugblatt. Und weiter: „Die Presse- und Meinungsvielfalt, ein wesentliches Element einer lebendigen Demokratie, wird im Vest Recklinghausen von der WAZ rücksichtslos auf dem Altar einer zweistelligen Rendite geopfert.“

Und wenn das auch nicht reichen sollte? Nun, da gibt es ja noch eine Region, wo sich die WAZ innerhalb der „Funke“-Gruppe mit anderen Redaktionen überschneidet – z.B. mit der Gruppen-Schwester „Neue Ruhr Zeitung“, deren Chefredakteur mal WAZ-Mitbegründer Erich Brost war. Dessen Namen wollen anscheinend die heutigen Mehrheitseigentümer ohnehin vergessen machen. Nur eines geschieht im Verbreitungsgebiet derzeit nicht so spürbar, dass nämlich die „Funken“ der Gruppe so richtig übersprühen.

Hier die Stationen, an denen Samstag, 13. April, in Recklinghausen das "Zeitungssterben" körperlich symbolisiert wird.

Hier die Stationen, an denen Samstag, 13. April, in Recklinghausen das „Zeitungssterben“ körperlich symbolisiert wird.

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5 Kommentare zu Tageszeitungslandschaft im Revier: Nun mogelt sich die WAZ auch durchs Vest Recklinghausen

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  2. Britta Langhoff sagt:

    Tja – da haben die Gerüchte wohl gestimmt, die seit Wochen in Recklinghausen diesbezüglich kochten. Mich macht das abwechselnd betroffen, wütend und traurig. Der Lokalteil „unser Vest“ machte schon lange keine Freude mehr, war aber wohl auch unter den gegebenen Bedingungen nicht besser zu produzieren. Dass nun auch noch diese Behelfslösung einer zentralen „Lokal“Redaktion für das ganze Vest gestrichen wird, Arbeitsplätze wegfallen und Meinungsvielfalt de facto nicht mehr stattfindet, ist für den großen Kreis Recklinghausen ein echtes Trauerspiel.

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  4. Bernd Berke sagt:

    Auch bei der Westfälischen Rundschau ist ja nicht alles von heute auf morgen gekommen. Die Redaktion wurde zuerst nach und nach schrittweise reduziert und dann schließlich zur Gänze entlassen. Schon vorher hatte sie nicht mehr die Kapazität, einen wirklich eigenständigen Mantelteil zu produzieren. Sie konnte lediglich einige Akzente setzen. Auch bestimmte Lokalteile wurden nur noch modifiziert, nicht aber von Grund auf selbst erstellt.

  5. Ingo sagt:

    War aber nicht gerade das Vest schon länger eine – wenn auch noch verlagseigene – Mogelpackung? Soweit ich mit mittlerweile über drei Jahren Abstand noch im Thema bin, gab’s da doch eh nur noch eine zentrale „Lokal“redaktion?!

    Meine Eltern trauern noch heute ihrer „Langenberger Zeitung“ hinterher, wo es auf der Hauptstrasse eine richtige Lokalredaktion gab und nicht nur einen Potemkin- Redakteur, der einmal in der Woche durchfährt …

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