Wie sich die WAZ über Götz George aufregt

Welch eine Aufregung! Ein Interview des Schauspielers Götz George mit „Spiegel online“ hat die WAZ in Aufruhr versetzt.

Geradezu stammelnd und nach verbaler Schnappatmung klingt der Einstieg zum Bericht auf Seite drei: „Götz George zieht her. Über Duisburg…“ Gar auf der Titelseite kommentiert der stellvertretende Chefredakteur Wilhelm Klümper den vermeintlich skandalösen Vorfall als Erregungsthema des Tages. Überschrift: “Der anmaßende Schauspieler”

Das knackige Gespräch, in dem Götz George („Schimanski“) Duisburgs Mitte zunehmend verwechselbar und manche Randbezirke verwahrlost nennt, hätte die WAZ sicherlich gern selbst geführt. Was der Schauspieler da gesagt hat, klingt übrigens ziemlich plausibel. Auch sein zorniger Befund über das Geschäftsgebaren des mit einem einzigen Euro eingestiegenen Karstadt-Käufers Nicolas Berggruen, der sich zu Unrecht als „Heilsbringer“ inszeniere, hat wohl einiges für sich.

Ausriss aus der WAZ-Titelseite vom 7. November 2013

Ausriss aus der WAZ-Titelseite vom 7. November 2013

Doch die WAZ muss natürlich partout das Ruhrgebiet in Schutz nehmen. Das ist sozusagen ihr ureigener Auftrag. Also schwingt besagter Wilhelm Klümper sich im schwer beleidigten Tonfall zum Sachwalter der kleinen Leute und quasi zum Volkstribun auf. Auf der falschen Seite steht diesem einfachen Weltbild zufolge Götz George, der sich „bei den Dreharbeiten schon immer gerne in den dreckigen Ecken gesuhlt“ habe. Dieser Schmutzfink aber auch! Und wer steht auf der richtigen Seite? Na, wer wohl: „Wir, die wir hier leben…“ Wobei wir die Frage nach den verschiedenen Wohnvierteln, in denen stellvertretende WAZ-Chefs und Durchschnittsleser siedeln, lieber gar nicht erst stellen wollen. WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz wohnt bis heute im etwas feineren Düsseldorf. Aber das nur ganz nebenbei.

George, so poltert Klümper jedenfalls weiter, sei erst als Schimanski und mithin durch Duisburg „so ganz groß herausgekommen“, er habe die Revierstadt als Kulisse gebraucht. Dann kommt’s richtig dicke, ganz nach Art eines Ätschibätschi-Gezänks im Kindergarten: „Duisburg und das Ruhrgebiet brauchen Sie aber nicht.“ Und nochmal, damit es auch der Letzte kapiert: „Götz George sollte uns allerdings in Ruhe lassen.“ Will sich der WAZ-Mann etwa auf die Spuren der häufig delirierenden „Bild“-Kolumne „Post von Wagner“ begeben?

Dabei streitet Klümper die Probleme der Region nicht einmal ab. Wie denn auch? Aber ihm passt die „janze Richtung“ nicht. Ein dahergelaufener Darsteller redet despektierlich übers Ruhrgebiet? Dann mal feste druff. Das erspart die inhaltliche Auseinandersetzung.

Übrigens: Am kommenden Sonntag (10. November, ARD, 20.15 Uhr) läuft endlich mal wieder ein neuer Schimanski-Krimi – mit dem Untertitel „Loverboy“. In diesem Zusammenhang hat Georges Interview vielleicht einen gewissen PR-Aspekt. Doch dieser Umstand entwertet nicht die Aussagen. Überdies hat Götz George, der (gerade im Umgang mit Journalisten) als mitunter schwieriger Mensch gilt, es eigentlich längst nicht mehr nötig, für sich die Trommel zu rühren.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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3 Kommentare zu Wie sich die WAZ über Götz George aufregt

  1. Britta Langhoff sagt:

    Ich habe das Interview mit Götz George auch gelesen. Und zwar zustimmend nickend.

    In der Hochzeit des Schimmi-Kultes habe ich (gerne) in Duisburg gelebt. Ab und an hat man am Rande was mitbekommen von den Dreharbeiten oder was George damals so in Interviews sagte. Der nicht nur bei mir vorherrschende Eindruck war immer, dass George dem Schauplatz seiner Kultfigur sehr wohlgesonnen war.

    Wenn er nun heute – berechtigte – Kritik übt, dann sollte man vielleicht einfach mal hinhören, diese in Betracht ziehen, überdenken und die ein oder andere Konsequenz daraus ziehen, anstatt reflexhaft in Abwehrstellung gehen.

  2. Michaela sagt:

    Götz Geoerge hat ganz recht: Eine kältere, gesichtslosere, hässlichere Innenstadt als die Duisburgs lässt sich kaum finden.
    Und wenn man beispielsweise durch Bruckhausen fährt – unglaublich trostlos. Da will man nicht tot überm Zaun hängen.

  3. Uta Rotermund sagt:

    Habe ich heute morgen auch mit Erheiterung gelesen. Es ist ein Reflex, geschlossene Abwehr. Ich war am 24.5. als Kabarettistin zum jährlichen Treffen der Stadtoberhäupter des Regionalverbandes Ruhr eingeladen. Oder wie es meine Steuerberaterin formulierte : Oha, die gesamte Inkompetenz des Reviers versammelt. Seit meinem Auftritt löscht die Regionaldirektorin Mails meines Büros ungelesen. Wörtlich “Sie haben die anwesenden Kommunalpolitiker brüskiert!” Ich sollte mir T-Shirts mit diesem Logo drucken lassen. Solches Lob erhält man selten.

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