Nur noch zwei Wochen Spielraum für Raucher

In zwei Wochen ist es so weit. Dann wird in Nordrhein-Westfalen eines der härtesten Nichtraucherschutzgesetze Deutschlands gelten.

Nur unter freiem Himmel und in (streng definierten, zudem anmeldepflichtigen) geschlossenen Gesellschaften darf dann noch geraucht werden. Falls nicht doch noch ein Gerichtsentscheid Einhalt gebietet (wofür die Chancen freilich sehr schlecht stehen), wird es dann weder Ausnahmen für E-Zigaretten noch für Wasserpfeifen oder so genannte Brauchtums- und Zeltveranstaltungen geben. Auch sind Raucherclubs als Ausweichmöglichkeit künftig nicht mehr gestattet. Im Sommer mag das Rauchen an der frischen Luft ja noch halbwegs angehen, doch wehe, wenn die kälteren Zeiten nahen. Dann wird das Nichtraucherschutzgesetz auch zum Raucherquälgesetz.

Schockfoto aus grauer Vorzeit: Der kleine B. B. darf schon mal proberauchen...

Schockfoto aus grauer Vorzeit: Der kleine B. B. darf schon mal proberauchen…

Das hätte früher mal jemand versuchen sollen: Ausgerechnet am 1. Mai, dem „Tag der Arbeit“ (oder auch „Kampftag der Arbeiterklasse“ seligen Angedenkens), ein solches Gesetzeswerk in Kraft zu setzen! Aber man hätte sich ja vor einigen Jahren auch nicht vorstellen können, dass beispielsweise Iren oder Franzosen sich mehrheitlich den strikten Rauchverboten beugen. Oder flunkert man uns da nur etwas vor?

Zurück nach NRW, wo Grüne und SPD das neue Gesetz beschlossen haben – gegen die Stimmen von CDU, FDP und ein paar Piraten. Man muss nur mal durch die Straßen einer Ruhrgebietsstadt gehen, um zu ahnen, dass die hiesige Mehrheit – anders als etwa im feineren Düsseldorf – immer noch zu großen Teilen aus rauchenden Menschen besteht. Die Faustregel „Je abgetakelter eine Gegend, umso höher die Rauchquote“ dürfte nicht ganz verkehrt sein.

Manche merken sich vielleicht bis zur Bundestagswahl im September, wer ihnen die Rauchverbote eingetragen hat. Wenn’s am Ende um wenige Prozenpunkte geht, gibt so etwas vielleicht gar den Ausschlag.

Es darf einen nicht wundern, wenn bald das große Kneipensterben einsetzt. Viele Leute werden gleich in ihren Wohnungen bleiben. Auch kann man kann sich lebhaft vorstellen, wie sich manche Szenen, die sich bisher gnädig im Inneren von Eckkneipen abgespielt haben, künftig nach draußen verlagern, Lallen und Grölen mitunter inbegriffen. Übrigens: Wer möchte dann gerne mit jenen tauschen, die in bestimmten Stadtbezirken das Verbot mit Bußgeld durchsetzen sollen?

Man schaue sich alte Fernsehdiskussionen bis in die späten 60er und frühen 70er Jahre an: Wie fraglos und haltlos da gequalmt wurde! Unter den Schwarzweiß-Fotos aus meiner Kindheit befindet sich eines, auf dem mein Vater mich (ungefähr 4 Jahre alt) einen Probezug an seiner Zigarette nehmen lässt. Durchaus denkbar, dass ihm heute für einen solche Untat das Sorgerecht entzogen würde. Die Tugendwächter (Raucherschnack: „Tabak-Taliban“) würden sich schon ergänzende Vorwürfe einfallen lassen.

O Zeiten- und Sittenwandel im Zeichen der gesundheitspolitischen Optimierung! Ein samtenes Wort wie „Rauchkultur“ darf man heute kaum noch im Munde führen, ohne strengstens zurechtgewiesen zu werden. Aus alten Filmen, so fordern manche gar, sollen dunstige Szenen möglichst ganz getilgt werden. Wenn es nach gewissen Volksbeglückern geht, sind vielleicht irgendwann die Bücher an der Reihe, in denen Tabak vorkommt. Später streichen sie dann noch Alkohol und Fleisch oder versehen sie wenigstens mit Warnhinweisen in den Fußnoten. Willkommen im neuen Puritanismus.

Ich habe früher vorzugsweise dem schwärzesten Kraut kräftig zugesprochen, jedoch vor fast fünf Jahren das Rauchen aufgegeben und halte mich seither lieber in rauchfreien Gefilden auf. Doch der Starrsinn der Verbotslüsternen, die Raucher als Widersacher begreifen und ihnen keinerlei Spielraum lassen wollen, ist mir trotzdem ein Graus.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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15 Kommentare zu Nur noch zwei Wochen Spielraum für Raucher

  1. Die 31000 dürften bei entsprechenden Skifahrerbrüchen oä auch anfallen. Sollten also ebenfalls verboten werden.

  2. Pingback: Was vom Monat übrig blieb: Das war der April » Revierpassagen

  3. Michaela sagt:

    @Nansy:
    Ich denke, ich habe deutlich gemacht, dass es mir nicht um den Geruch geht, sondern um die Verursachung von Kopfschmerzen etc., – und ja, das ist auch so, wenn mir auf der Straße Qualm in die Nase kommt. Ich muss zugeben, dass es tagesformabhängig ist, aber dennoch.
    @Bernd:
    Dass es sich da nur um edle Kämpfer handelt, habe ich mit keinem Wort behauptet. Würde ich auch nicht tun. Aber ich glaube nach wie vor, dass die Entwicklungen in gewissen Bereichen durch Leute, die sich nicht beirren ließen (auch wenn sie sicher hie und da übers Ziel hinausschossen und noch -schießen), vorangetrieben wurden.

  4. Nansy sagt:

    @Oliver:
    Berechnet man die Kosten, die dem Gesundheitssystem für einen einzelnen Menschen während seiner gesamten Lebensspanne entstehen, wie es Wissenschaftler in den Niederlanden bereits getan haben, kommt man im Gegenteil zu dem Ergebnis, dass Nichtraucher für das Gesundheitssystem ein gutes Stück teurer sind als Raucher: Ungefähr 31.000 Euro Differenz kamen bei dieser Berechnung heraus.
    Das von Ihnen geltend gemachte persönliche und familiäre Leid im Krankheits und Todesfall von Rauchern wird sich wohl kaum von anderen Krankheits- und Todesfällen unterscheiden (z.B. Verkehrsunfälle, Heimwerker-, Sport- oder Berufsunfällen und Krankeheiten)
    Ihr Argumentation ist nicht stichhaltig…

  5. Nansy sagt:

    @Bernd Berke:
    natürlich haben Autoabgase ein anderes Gefährdungspotential als Knoblauch oder Parfüm, obwohl die EU ja bei Parfüm auch schon anfängt, über Verbote bestimmter Inhaltsstoffe zu diskutieren.
    Der Beitrag von Michaela macht nur klar, dass es jetzt schon um Geruchsbelästigung geht und nicht mehr um den bekannten „Nichtraucherschutz“. Man geht jetzt also noch eine Stufe weiter mit der Forderung nach Verboten, nämlich aus Gründen der Geruchsbelästigung.

  6. Bernd Berke sagt:

    @Nansy: Parfüm, Knoblauch und dergleichen sind ja noch vergleichsweise harmlos. Was aber ist mit Autoabgasen?

  7. Bernd Berke sagt:

    @Oliver: Ja, was denn? Ich dachte immer, Raucher stürben meistens so früh, dass sie die Rentenkasse nicht mehr in Anspruch nehmen. Insofern…

  8. Bernd Berke sagt:

    @Michaela: Es mag ja sein, dass lautere Motive am Anfang gestanden haben und vielfach auch noch bestimmend sind. Doch glaube ich nicht, dass wir es mehrheitlich mit edlen Kämpferinnen und Kämpfern für die gute Sache zu tun haben. Die Lust, anders handelnde Mitmenschen zu gängeln und zu bevormunden, ist hier wohl sehr entschieden mit im Spiel.

    Den Vergleich mit Arbeitnehmer- und Frauenrechten finde ich zumindest wacklig. Ich hätte nichts dagegen, wenn es reine Ausbeuterkneipen gäbe, in denen sie sich gegenseitig den Mehrwert abpressen.

  9. Oliver sagt:

    Ganz klar ist:
    Rauchen ist eine Sucht,somit eine Krankheit an sich.
    Dennoch!
    Rauchen macht krank und kostet das Gesundheitssystem Milliarden die auch die Nichtraucher tragen müssen!
    Zu dem kommt noch das persönliche und familliäre Leid welches im Krankheits und Todesfall verursacht wird.
    Daher gilt:
    Wer sich kaputt machen will soll es tun.
    Dann aber bitte ohne eine Familie gegründet zu haben und sich im Krankheitsfall behandeln zu lassen zu wollen.

  10. Nansy sagt:

    @Michaela:
    Dir gefällt es also nicht, wenn Dir auf der Strasse Qualm in die Nase weht? Was ist mit Parfüm- oder Knoblauchgeruch? Sollen diese Menschen dann auch ausgegrenzt werden, oder bezieht sich das nur auf Rauch?
    Deine Haltung zeigt aber auch, dass der sogn. „Nichtraucherschutz“ inzwischen gar keine Rolle mehr spielt, hier geht es nur noch um Abneigungen und Verbote. Ansonsten läßt sich die jetzt stattfindende Diskussion um Rauchverbote im Freien (z.B.: Bushaltestellen) gar nicht mehr vernünftig erklären.
    Der nächste Schritt im Verbotsreigen lässt sich schon erkennen: (Alkohol-, Parfüm- und Fast-Food-Verbote. Oder glaubt irgendjemand, dass es mit Rauchverboten sein bewenden hat?

  11. Pingback: Der Ruhrpilot | Ruhrbarone

  12. Michaela sagt:

    Ich finde es sogar ätzend, wenn mir auf der Straße Qualm ins Gesicht und in die Nase weht. Zigarettenrauch stinkt und macht mir Kopfschmerzen – von anderen Gefährdungen gar nicht zu sprechen.
    Vielleicht gibt es wirklich Anti-Raucher, die zu radikal auftreten – aber hätte es diese radikalen Kämpfer nicht gegeben, hätte sich der sehr, sehr zu begrüßende Nichtraucherschutz wohl gar nicht erst entwickelt (oder steckte nur erst in den Anfängen). Welch grauenvolle Vorstellung!
    Lässt sich übrigens auch auf andere Gebiete übertragen: Arbeitnehmerrechte, Frauenrechte, …

  13. Bernd Berke sagt:

    @Detlef Mühlberg: „Ich kenne das Nichtraucher- oder Rauchergesetz für NRW nicht inhaltlich…“

    Unter den rot markierten Worten „härtesten Nichtraucherschutzgesetze“ (im ersten Absatz) liegt der Link zum Gesetzestext.

  14. Hans Hermann Pöpsel sagt:

    Schon vor gut fünf Jahren war ich in Paris beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit dort Raucher das Bistro verließen und auch bei Kälte auf dem Trottoir rauchten. Auch Menschengruppen mit angeblich lockerer Lebensweise wissen also Gesudheitsschutz zu schätzen.

  15. Detlef Mühlberg sagt:

    Ich kenne das Nichtraucher- oder Rauchergesetz für NRW nicht inhaltlich, setze mich als Ex-Qualmer sehr intensiv mit diesem Thema auseinander. Und dieses relativ neutral. Kennengelernt habe ich Rauchergesetze in den baltischen Staaten und ich muss sagen, ich war beeindruckt. Dort darf man draussen erst in 10(oder 15?) Meter Entfernung eines Gebäudes rauchen. Das bedeutet bei einer Strassen- oder Wegbreite von maximal 10 oder 15 (?) Metern, dass dieses eine rauchfreie Strasse ist!! Aber das sei nur mal so dahin gesponnen..!
    Dabei sehr wichtig (und auch positiv) ist, dass es an Eingängen von Gebäuden (Kaufhäuser, Restaurants, Hotels, Bürogebäude, Ärztezentren pp.)keine Aschenbecher geben braucht, weil sich dort keine Raucherclique versammeln kann. Der Nichtraucher kann so ungestört in ein Gebäude gelangen und es auch wieder verlassen, ohne den Atem anhalten zu müssen!! Das Ding hat Gesicht!!!!

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