Zurüstungen für die heimische Kaffeefabrik

In Versuchung geraten, eine nagelneue Kaffeemaschine zu kaufen. Einen von diesen polierten Lifestyle-Apparaten als Schaustück für die Küche, ihr wisst schon. Rasch vom Wunsch kuriert gewesen.

Der fix geschulte Fachverkäufer schüttet Familie B. mit Fachbegriffen zu und weidet sich daran, dass wir so gut wie nichts richtig verstehen. Wir sollen offenbar weichgekocht werden, bis wir dastehen wie Trottel. Doch mit dem erlösenden Kauf tritt man ja garantiert ein in die strotzmodern mittelschichtige, allzeit kreative, rundum verwöhnte, prenzlauerberghafte, politischökologischkorrekte Gesellschaftsschicht, welche die schicken Innenstadtviertel der Metropolen okkupiert. Keine Angst: Das Fass mit den Aufschriften „Gentrifizierung“ und „Bionade-Biedermeier“ machen wir an dieser Stelle nicht weiter auf. Friede den Altbau-Idyllen. Einstweilen.

Zurück zum Schnellkursus in Sachen häuslicher Kaffeefabrik. Mit Imponiergeste zeigt der Ladenschwengel sündhaft teure Boliden vor, mit denen man – wenn’s hoch kommt – gerade mal je zwei Tässchen Espresso, Cappuccino oder Latte auf einmal herstellen kann. Ergo: Wenn etwas mehr Besuch kommt, muss jemand permanent an der Maschine stehen und für stetigen Nachschub sorgen. Wenn einem das keine 1200 Euro oder mehr wert ist, dann gehört man eben nicht dazu!

Dessen ungeachtet, schwafelt der auf smart getrimmte Verkäufer über die konkurrierenden Systeme der Vollautomaten und Siebträger. Nein, nicht Vollidioten und Sargträger. Bitte sachlich bleiben!

Die simple Variante (Foto: Bernd Berke)

Die simple Variante (Foto: Bernd Berke)

Doch weiter, weiter, bloß kein Innehalten, man könnte sonst zur Besinnung kommen: Nun geht’s um Einknopf-Bedienungen und die „absolut erforderlichen“ 15 Bar Druck. Auf den Einwand hin, man könne Espresso – wie viele ältere Italiener dies tun – doch auch mit herkömmlichen Metallkännchen (siehe Foto) machen, empört er sich geradezu. Das sei doch kein Espresso, sondern nur Mokka. Ach, wir müssen wohl hoffnungslos zurückgebliebene Bergbauern sein. Er geißelt alles, was vordem war. Und er geißelt uns mit.

Mal ernsthaft ins große Ganze aufgeblendet: Es ist der Geräteindustrie im Verein mit den Röstern offensichtlich gelungen, auf breiter Front das heimische Kaffeebrühen völlig neu zu definieren. Wahrscheinlich nennen sie es Kaffee 2.0 oder so ähnlich. Das Pulver häufelt man demnach nicht mehr selbst, sondern bekommt es in Dutzenden Sorten als Einheitsmenge fertig dosiert vorgesetzt.

So kommt es, dass die Tasse mit Pad- und Kapselsystemen ungleich mehr kostet und dass man möglichst immer wieder dieselbe Marke kaufen muss. Schon die bloße Vorstellung, dass jemand fragt “Liebling, haben wir noch Pads im Haus?”, lässt den hohen Affigkeits-Quotienten ahnen.

Vom wachsenden Abfallaufkommen mal abgesehen. Auch würde man gern wissen, wie viel Strom all die automatischen Spülsysteme und Warmhalteplatten fressen. Die meisten dieser Geräte haben tatsächlich überhaupt keinen Ausschalter mehr. Vier bis sechs Großkraftwerke laufen vielleicht nur für Kaffee. Aaaargh!

Da hilft nur harsche Konsumverweigerung: Die gute alte Kaffeemaschine für acht bis zehn Tassen tut’s in aller Regel auch; es wäre gut, wenn sie bald unter Denkmalschutz stünde. Meinethalben plus Espressokanne und Milchaufschäumer, wenn’s denn unbedingt mal der unsägliche Latte Macchiato sein muss. Jawohl, laut Duden ist das Gesöff maskulin. Nix mit “Ich sitz’ hier und trinke meine Latte…”

Wie bitte? Ausdifferenzierung des Geschmacks sei auch ein Stück Kultur? Na, geschenkt. Hauptsache lecker, woll?

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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7 Kommentare zu Zurüstungen für die heimische Kaffeefabrik

  1. Martina Gehrmann sagt:

    Diese Hightech-Kaffee-Vollautomaten sind aber auch monströs und verwirren einige Menschen, nicht nur mich! Ich bin seit 7 Jahren im Schwarzwald ansässig, also eine südwestfälische Mittelbadnerin. Mein Heimweh ist oft so ausgeprägt, dass ich Menschen in unserem Bergdorf anspreche, die gerade aus ihrem Auto aussteigen, nur weil ich dem Kennzeichen entnehme, das sie aus dem Ruhrgebiet kommen.
    Der Badner an sich ist ein gemütlicher, freundlicher Weintrinker. Aber Kaffee aus blitzenden, dampfspeienden Superautomaten trinken sie auch und so konnte ich kürzlich folgendes in einem Cafe beobachten:
    Ein älterer Herr betrat das Etablissement und trat an die Theke. Ein beflissenes badisches Mädel trat auf ihn zu:”Kann mer ihne helfe?” ( Der Badener lässt gerne Buchstaben weg und fügt andere hinzu ). Der Senior meinte:” Ich würd gern wat Heisses trinken”! ( Bei dem Wort “wat” bekam ich eine gerade Haltung )
    “Ha jo, da hätte mir Cappuccino, Latte macchiato, Espresso ristretto…..” – die Bedienung ratterte alles im ansässigen Dialekt herunter, was die Maschine hergab.
    Da beugte sich der Mann schüchtern vor und meinte leise:
    “Hamse nich wat ganz Normales, so nen Kaffee mit Büchsenmilch?”

    Ich fühlte mich im doppelten Sinn verstanden und wollte sofort heim nach Westfalen…..

  2. scherl sagt:

    also ich empfehle ja (nach knapp 30 jahren mit unterschiedlichen methoden) immer noch den handgefilterten …

    was es mit teuren maschinen auf sich hat und warum die bohne nicht so wichtig ist (und anderes), gibts in dem video hier ab ca 6:40 : http://www.youtube.com/watch?v=31ClwWrwViw
    (der rest ist aber auch sehr gut)

  3. Leah Herz sagt:

    Nach vielen Generationen der unterschiedlichsten Kaffeemaschinen, die entweder halb- oder vollautomatisch klare braungetönte Brühe prodzierten, einer Senseo, die mit teuren Pads auch nur Plörre machte, bin ich vor einem Jahr auf eine Bodum “French Press” umgestiegen. Seitdem genieße ich jeden Morgen köstlichen, starken und dunkelbraunen Kaffee. Handgemacht. Allerdings mit (jeden Morgen frisch) selbstgemahlenen Bohnen. Geht doch nix über Handarbeit.

  4. Bernd Berke sagt:

    Rudi, bei Gelegenheit musst Du mir mal diskret verraten, um welch eine Maschine es sich handelt.

  5. Bernd Berke sagt:

    Hier ist Fachkunde am Werk. Die Drei-Sekunden-Regel werde ich mir merken.

  6. Udo Brosko sagt:

    Schön beschrieben.Wenn ich einen Esspresso möchte, gehe ich zum Italiener in die Bar, z.B.in die Schützenstrasse…Wenn ich zuhause Kaffee mache, mach ich es wie alle Italiener mit der abgebildeten “Cafeteria”, und das seit Jahren.Gästen wird bei uns bestenfalls also ein Mokka angeboten, da hat der Verkaäufer leider Recht. Der ist allerdings dreimal besser, als jede Brühe aus irgendeiner x-beliebigen deutschen Kaffeemaschine. Ein Esspresso, oder “Expresso”, wie er in Deutschland meistens genannt wird, muss zwingend eine Crema haben, die den hinein zu gebenden Zucker für mindestens drei Sekunden hält, erst dann darf der Zucker einsinken.Wichtig bei der “Cafeteria” ist die Auswahl der Bohne. Das alles ist dem Deutschen fremd! Er schüttet seit Menschengedenken eine undefinierbare Brühe, die er Kaffee nennt in sich hinein. Hier, wie beim Essen kommt es ihm auf die Menge und nicht auf die Qualität an.Entscheidend beim Kaffee-, oder Esspressogenuß ist für mich der Kontakt zu anderen Menschen. Das war früher in den deutschen Kaffebuden so und ist es bis heute in den italienischen Bars. Ein Italiener würde sich niemals eine Esspressomaschine für zuhause gönnen, er würde er ja keine Neuigkeiten mehr erfahren!

  7. Rudi Bernhardt sagt:

    Ein paar Sätze zu diesem Beitrag: ICH, westfälische Antwort auf Arnold Schwarzenegger, transportierte heute früh ein würfelförmiges Metallgehäuse in Edelsthl-silberner Optik zu Fuß von Hagen nach Unna (natürlich unterbrochen durch Zugfahrten), dass ein mir bekannter Fachmann schauen kann, was dem Teil, das mich nun schon viele Jahre begleitet, fehlen könne, denn es produziert seit einiger Zeit keinen gescheiten Kaffee mehr. Ich liebe es, weil es so herrlich simpel daher kommt. Wie gesagt, silbern, würfelförmig, zwei Knöpfe, ein Drehknopf, ein Manometer, ein Siebträger und gut iss. Nun hoffe ich, dass mein Küchengeräter-Doktor dem Würfel helfen kann. Ich mag und will keine hightechfähige selbststeuernde Maschine, ich will meinen glänzenden, aber auch glänzenden Esspresso machenden Würfel wieder.
    Auch wenn der händische Transport ebenso anstrengend wie – wie heißt das noch – retro war.

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