TV-Nostalgie (7): „Beat Club“ – Endlich gab’s die heiß ersehnten Klänge…

Haben wir je eine TV-Sendung heißer herbeigesehnt? Bestimmt nicht! Wir waren ja gerade im richtigen Alter dafür. Und der „Beat Club“ kam (ab 25. September 1965, samstags zunächst von 16.45 bis 17.15 Uhr) zwar reichlich verspätet ins verschnarchte deutsche Fernsehen, aber irgendwie doch gerade noch rechtzeitig. Yeah!

Seither gehört Uschi Nerke, die im Monatsrhythmus all die Auftritte und Filmeinspielungen immerzu munter präsentierte, zu den unvergänglichen Ikonen des Mediums. Mit den Jahren trugen sie und die zeitweise unvermeidlichen Go-Go-Girls dann etwas knappere Röcke.

Schon ein paar Tage her: Uschi Nerke präsentiert den "Beat Club" - © Radio Bremen/ARD - Screenshot aus http://www.youtube.com/watch?v=VMzoVYcJHyQ

Schon ein paar Tage her: Uschi Nerke präsentiert den „Beat Club“ – © Radio Bremen/ARD – Screenshot aus http://www.youtube.com/watch?v=VMzoVYcJHyQ

Am Anfang war es brav und bieder

Die Jugendlichen, die da anfangs zur „Beatmusik“ tanzten, wirkten äußerlich noch ziemlich brav und bieder. Auch die Bands traten zumeist noch im adretten Anzug auf. Die „Warnung“, die der noch junge Ansager und spätere Tageschau-Sprecher Wilhelm Wieben der Premieren-Sendung vorausschickte („Sie aber, …die Sie Beatmusik vielleicht nicht mögen, bitten wir um Ihr Verständnis…“), war im Grunde herzlich überflüssig. Doch viele ältere Menschen regten sich damals trotzdem auf.

Rotierende Spiralen

Nicht nur die Musik wurde (vor allem ab 1967) „progressiver“, sondern auch Design und Darstellung. Der „Beat Club“ war ein Feld, auf dem man die damals noch sehr begrenzten technischen Möglichkeiten phantasievoll ausreizen konnte – bis hin zu psychedelischen Experimenten mit allerlei rotierenden Spiralen und Spiegelungen. Natürlich wurde dabei gelegentlich auch Unsinn verzapft. Doch es zeigte sich so manches Stück vom wandelbaren Zeitgeist.

Ausgebrütet wurde all das beim kleinen Sender Radio Bremen, federführend beim „Beat Club“ war der Redakteur Mike Leckebusch, damals eigentlich Jazzfan. Jetzt kommt ein Name ins Spiel, mit dem Sie bei Jauchs Millionenquiz Chancen hätten: Gerhard Augustin. Gerhard Wer? Nun, der Mann war damals – als einer der ersten seiner Zunft in ganz Deutschland – Plattenaufleger in einem Bremer Club und brachte Leckebusch auf die Spur der Beat- und Rockmusik. Augustin stand bei den frühesten Folgen auch mit vor der Kamera.

Bärenstarke PR-Show

Zugegeben: In den ersten Sendungen zählte vor allem die gute Absicht, es traten eher zweit- und drittklassige Bands auf. Der allererste Titel war übrigens – hätten Sie’s gewusst? – deutschsprachig: Die Bremer Lokalband Yankees brachte ihr Liedchen „Halbstark“ („Oh Baby, Baby, halbstark…“) zu Gehör. Fortan waren deutsche Töne allerdings verpönt.

Als jedoch die Plattenindustrie allmählich merkte, welches Werbepotenzial hier schlummerte, traten immer mehr wirkliche Größen des Geschäfts im „Beat Club“ auf, darunter etwa die Rolling Stones, die Who oder Jimi Hendrix. Uschi Nerke hätte sich nie erlaubt, bei ihren Ansagen auch nur einen Hauch von Kritik einfließen zu lassen. Nüchtern und bei Licht besehen, war der „Beat Club“ lupenreine PR-Jubel für die Musikindustrie.

Atemlose Aufnahmesitzungen

Das ändert nichts daran, dass dort oft bärenstarke Musik zu erleben war. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie wir (falls solche vorhanden waren) die Tonbandgeräte angeworfen und atemlos mit dem Mikro vor dem Fernsehlautsprecher gehockt haben – in der innigen Hoffnung, dass niemand geräuschvoll ins Wohnzimmer kam…

Heute hingegen gibt’s einen eigenen Internet-Kanal für nostalgische Musik aus der Bremer Kultsendung. Auch sind alle 83 Folgen bis zum Ende im Dezember 1972 auf DVDs zu erwerben. Und überhaupt: Jetzt sind fast alle Wellen und Netze so mit Rock und Pop angefüllt, dass es wahrlich genügt.

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Hier die Ansage zur allerersten Sendung und ein paar weitere Schnipsel: http://www.youtube.com/watch?v=VMzoVYcJHyQ

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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