Mythos Minox: Nicht nur für Spione

Wer weiß noch, was eine Minox ist? Selbst in manchen Fotofachgeschäften kann man nicht mehr sicher sein, dass dort einschlägige Kenntnisse über den einstigen Mythos der Kleinstbildfotografie (Negativformat 8 x 11 Millimeter) vorhanden sind. Ein Jammer.

Etwas ältere Leute, sofern nicht allseits desinteressiert, erinnern sich wahrscheinlich: Das waren doch diese Mini-Kameras, mit denen damals so viele Spione ihre illegalen Aufnahmen gemacht haben. Das ist zwar zu kurz gegriffen, aber sicherlich richtig. Die Liste prominenter Minoxianer früherer Tage ist jedenfalls lang, sie reicht von Queen Elizabeth bis Heinz Erhardt und Götz George.

Ausführlich erfährt man die Einzelheiten jetzt (etwas abseits von den üblichen Kulturpfaden) im Stadtmuseum zu Iserlohn. Dort breitet der Hagener Sammler Reinhard Lörtz noch bis zum 19. April seine Minox-Kollektion aus. Er weiß so gut wie alles über das Phänomen. Wenn sich Privatleute derart leidenschaftlich in ein Hobby versenken, so häuft sich eben manches Spezialwissen an.

Erfinder der fotografischen Winzlinge war in den 1930er Jahren der hochbegabte Tüftler und Autodidakt Walter Zapp (1905-2003), der anfangs in seiner Geburtsstadt Riga (Baltikum) wirkte. 1936 lag die noch nicht zum Verkauf bestimmte Ur-Minox vor. Zapp, so geht die Legende, war höchst betrübt, als er erfuhr, wer 1938 der erste Erwerber eines marktreifen Modells war: ein osteuropäischer Diplomat. Da fing’s also offenbar schon an mit den Heimlichkeiten.

Alles andere wäre aber auch verwunderlich gewesen. Denn eine Kamera, die flugs in jeder Jackentasche verschwinden konnte, rief geradezu nach hinterlistigen Anwendungen. So gab’s denn auch bald passendes Spionage-„Zubehör“ wie etwa Rasierpinsel, in deren Holzgriff der Fotoapparat über Staatsgrenzen geschmuggelt werden konnte.

Nach 1945 wurden die Kameras in Wetzlar bzw. zwischenzeitlich in Heuchelheim (Kreis Gießen) gefertigt. Im „Kalten Krieg“ kam die ganz große Zeit der Minox. Auch der DDR-Topspion Günter Guillaume, der sich das Vertrauen des Bundeskanzlers Willy Brandt erschlichen hatte, soll auf dieses offenbar zuverlässige Arbeitsgerät zurückgegriffen haben. Eine Folge war bekanntlich der Kanzlersturz im Mai 1974.

Kurios: Erst sehr spät ließ sich die Firma Minox die längst berühmte Markenbenennung schützen, als nämlich in den USA Salben und Seifen gleichen Namens angeboten wurden. Verwechslungsgefahr war da eigentlich nicht gegeben.

In der reichlich bestückten Iserlohner Vitrinenschau sieht man die praktisch lückenlos dokumentierte Entwicklung der verschiedenen Baureihen. Die Vielfalt der Geräte, die sich hinter Kürzeln wie Minox A, B (ab 1958), C (ab 1969), BL, LX verbergen, ergibt weit verzweigte Stammbäume. So unübersichtlich ist diese „Familie“, dass nur der Eingeweihte diverse Fälschungen als Markenpiraterie erkennt. Auch solche Täuschungs-Exemplare finden sich in der Ausstellung, überdies etliche Sonder-Editionen wie etwa jene Minox-Modelle, die für besonders betuchte Kundschaft mit einer 24 Karat-Goldschicht veredelt wurden.

Original-Schaukästen und andere Reklamemittel, die im Lauf der Jahrzehnte eigens für die Kultmarke eingesetzt wurden, zeugen vom wandelbaren Zeitgeist. Ein Stoffteddy mit Minox-Mütze ist das Relikt einer gemeinsamen Werbeaktion mit der nicht minder legendären Firma Steiff. Einschlägige Literatur und Zubehör (Filme, Stative, Taschen etc.) runden den musealen Minox-Kosmos ab.

Wie es bei solchen Ausstellungen mit Nostalgiefaktor häufig zu gehen pflegt: Der Ablauf der Zeiten erscheint (gewollt oder ungewollt) als allmähliche Entfernung von den einzig wahren, authentischen Ursprüngen, mithin als gewisse Dekadenz.

Reinhard Lörtz hat sich zunächst vor allem auf Trödel- und Sammlermärkten umgetan, später auch bei Internet-Auktionen. „Bis vor einiger Zeit konnte man dort noch fündig werden, heute ist der Markt weitgehend leergekauft.“

Natürlich haben sich Minox-Sammler in einem Club organisiert, der weltweit rund 400 (überwiegend ältere) Mitglieder hat. Eins steht für den Bahnangestellten Lörtz’ fest: „Wenn ich in ein paar Jahren pensioniert bin, habe ich endlich Zeit, ein Minox-Museum einzurichten – irgendwo in Westfalen.“

„Die Minox“. Noch bis zum 19. April im Stadtmuseum Iserlohn, Fritz-Kühn-Platz 1. Geöffnet Di, Mi, und Fr. bis So. 10-17, Do 10-19 Uhr (Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag geschlossen). Eintritt frei. Tel.: 02371/217-1963.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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