Deutscher Buchpreis 2011 für ostdeutschen Familienroman

Es ist amtlich. Der vorher als haushoher Favorit gehandelte Eugen Ruge ist der Gewinner des  diesjährigen deutschen Buchpreises. Er gewann den angesehenen Preis für seinen Familienroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Die Jury des Börsenvereins des deutschen Buchhandels begründete: „Es gelingt ihm, die Erfahrungen von vier Generationen über fünfzig Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen.“

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erzählt Ruge anhand einer sich über 4 Generationen erstreckenden ostdeutschen Familiengeschichte das Epos vom allmählichen Untergang der DDR und der sozialistischen Ideologie. Kaleidoskopartig erzählt er in wechselnden Perspektiven von bröckelnden Mauern sowie vom bröckelnden Familienzusammenhalt. Mit der Geschichte des Powileit/Umnitzer-Clans bewahrt Ruge weite Teile der Geschichte seiner eigenen Familie. Einer Familie, die zum mit der Mauer untergegangenen intellektuellen DDR- Establishment gehörte, dem heutzutage keine größere historische Relevanz mehr zugebilligt wird.

Ist der Preis nun auch aus der Sicht der Zielgruppe, des Lesers gerechtfertigt? Zunächst ist heutzutage sicher jede Preisvergabe an einen Autor gerechtfertigt, der sich seinem Thema mit Herzblut verschrieben hat und nicht nur auf den schnellen Bestsellererfolg schielt. Ob die Preisvergabe diesem Buch und seinem Anliegen nun aber mehr schadet als nützt? Schon vorab wurde das Buch mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Den Alfred-Döblin-Preis für das beste Manuskript erhielt Ruge bereits 2009, die Besprechungen in den Feuilletons waren hymnisch,  euphorisch wurden gar die ostdeutschen Buddenbrooks begrüßt.

Das Buch ist keine leichte Kost und verlangt dem Leser ob der ungeordneten Zeitsprünge und Perspektivwechsel ungeteilte Aufmerksamkeit ab. Ruge setzt in seiner Erzählung ganz auf präzise Beobachtung, es ist ihm wichtig, seinen Figuren Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Obwohl von einem melancholischen Unterton getragen, kommt seine Sprache unprätentiös, fast nüchtern daher. Der Leser bleibt während der Lektüre seltsam distanziert. Natürlich werden nur wenige dieses Buch emotionslos lesen, sind die historischen Ereignisse doch bei fast allen auch mit privaten Erinnerungen oder Familiengeschichten verknüpft. Umso mehr hätte man sich als Leser wenigstens eine Figur gewünscht, mit der man empathisch diese Geschichte hätte miterleben und miterleiden können. Die Zeit war sicher mehr als reif für einen unverstellten Blick auf die DDR, die Nöte aber auch die Freuden des Lebens dort. Dies literarisch bewahrt zu haben, ist das große Verdienst Eugen Ruges und macht „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ sicher zu einem der wichtigsten Bücher des Jahres. Definitiv kann der Autor für sich verbuchen, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar gemacht und dem wiedervereinigten Land ein umfassendes ostdeutsches Panorama geboten zu haben.

Dennoch bleibt die Befürchtung, dass nun viele dieses Buch kaufen oder verschenken, um es als „must have“ des Bücherherbstes demonstrativ ins Regal zu stellen. Nach der Lektüre bleibt man mit der Frage zurück: Wäre die Familie in einem anderen System glücklicher geworden? Nach der Vergabe des Buchpreises fragt man sich: Wäre Ruge ohne die Lobeshymnen mit seinem Werk glücklicher? Ich bezweifele, dass es seine Intention war, das ostdeutsche Komplementärwerk zu Thomas Manns Meisterstück vorzulegen. Was er vorgelegt hat, ist der derzeit gültige Roman zur deutschen Einheit aus ostdeutscher Sicht. Möglicherweise war dies der Konsens, der die Jury zur Vergabe des Preises an Ruge bewog.

Der Autor: Eugen Ruge kam 1958 mit seiner Familie zusammen nach Ost-Berlin. Sein Vater ist der bekannte Alt-Kommunist Wolfgang Ruge, der seinerzeit von den Sowjets in ein sibirisches Lager deportiert wurde. Eugen Ruge arbeitete zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Akademie der Wissenschaften der DDR. Seit 1986 arbeitet er schriftstellerisch und wirkt seit 1989 hauptsächlich als Autor für Theater, Funk und Film. „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist sein Debütroman.

Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Roman. Rowohlt. 432 Seiten, €19,95

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5 Kommentare zu Deutscher Buchpreis 2011 für ostdeutschen Familienroman

  1. Britta Langhoff sagt:

    Es ist jetzt einen Monat her, seit ich das Buch zu Ende las. Ich könnte meiner Bewertung noch hinzufügen, dass das Buch durchaus lange nachwirkt, was ja nicht das Schlechteste ist, was man über ein Werk sagen kann. Auch und gerade mit Abstand verfestigt sich mein Eindruck, dass Eugen Ruge das Buch mit einer klaren, legitimen Intention geschrieben hat: dem untergegangenen intellektuellen DDR-Establishment eine Stimme zu geben, die gehört wird.

    Aber: Die Diskussion, die in dieser Woche – mal mehr, mal weniger emotional – geführt wird, dreht sich (mal wieder) um die Vergabepraxis von Buchpreisen und die möglichen Beweggründe der Jury. Auch von daher sehe ich meine Zweifel, ob der Buchpreis dem Anliegen von Herrn Ruge nützt, durchaus berechtigt.

  2. Bernd Berke sagt:

    Mal so gefragt, Spieler 7: Wen sähen Sie denn gern mit Preisen dekoriert? Und: Was genau macht Herta Müller falsch? Und: Wie stellen Sie sich eine literarische Debatte vor?

  3. Spieler7 sagt:

    Herzlichen Dank, Frau Müller, You just made my day! :-)))

  4. Hans Hermann Pöpsel sagt:

    Wer so ätzend abwertend über Herta Müller schreibt wie „Spieler7, der hat wirklich keine Ahnung von Sprache und Literatur und schon gar nicht von Herta Müller.

  5. Spieler7 sagt:

    Ich habe das Buch nicht gelesen und es ist möglich, dass der Autor mit Herzblut seine Empfindungen aufschrieb. Der Preis sei ihm gegönnt, in Frage stellen würde ich eher die Juroren, die halt auf einer Welle reiten, die politisch opportun ist, denn Geschichte wird bekanntlich von den Siegern geschrieben.

    Erinnert mich fatal an den Literatur-Nobelpreis für Hertha „Lieschen“ Müller, von der man danach (zum Glück) nichts mehr hörte.

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