Chatroulette: Menschen wegklicken

Immer wieder neue Hypes im Netz. Und welche Sau wird jetzt gerade durchs globale Dorf getrieben? Nun, ein angeblich ganz dickes Ding dieser Tage und Wochen sind „Chatroulette“-Angebote, bei denen Bilder, Töne und Texte in Echtzeit ausgetauscht werden. Es soll Leute geben, die süchtig danach sind. ABC News zitiert eine US-Studentin: „I think it’s a little creepy. And I can’t stand away.“ Ein bisschen gruselig und dennoch unwiderstehlich also?

Seiten dieses Zuschnitts sind an der Benutzer-Oberfläche sehr simpel und locken mit ausgesprochen laxen Bedingungen: völlig anonyme Teilnahme am weltweiten Video-Chat, keine Passwörter, Alterskontrollen, besondere Pflichten, Spielregeln oder sonstige Barrieren. Kein Wunder, dass sich angesichts solcher Vorgaben auch ungemein viele arme Würstchen (wahlweise „arme Teufel“), Spinner und Idioten mehr oder weniger offen hervorwagen. Ich werde mich hüten, hier einen Link zu setzen, denn etliche Vorgänge auf derlei Seiten sind alles andere als jugendfrei.

Die bislang bei weitem erfolgreichste, explosionsartig wachsende Seite des insgesamt expandierenden Genres wurde vom 17-jährigen Moskauer Andrej Ternowskij programmiert und auf Frankfurter Servern platziert: Nach dem „peer-to-peer“-Prinzip und per Zufallsgenerator werden überwiegend jüngere Leute aus allen Ländern zusammengeschaltet. Im Regelfall sehen sie sich selbst und (auf einem zweiten Screen) jeweilige „Partner“ via Webcam. Klingt doch im Ansatz spannend, oder?

Es gibt selbstverständlich –zig Arten, sich trotz Webcam zu verbergen. Ich bin etlichen Herrschaften mit Affen- oder vereinzelt gar Gasmasken „begegnet“. Andere verzerren ihre Gesichtszüge elektronisch, decken das Kameraauge ab, setzen z. B. Spielzeugfiguren davor oder richten ihre Kamera auf Heimkino-Filme – bevorzugt mit sexuellem oder sonstigem Schock-Potenzial, das sich freilich enorm abnutzt. Inzwischen gibt’s „best of“-Seiten, die im voyeuristischen Doppel den jeweiligen Anlass und die darüber empörte Mimik des Empfängers eingefroren haben. Zur weiteren Erheiterung…

Doch viele zeigen sich auch und setzen sich der Mitwelt aus: Über allem waltet ein gnadenloses „Ex und Hopp“, eine Wegwerf-Mentalität, die hier auf die soziale Ebene übertragen wird und Netzwerke wie „facebook“ vergleichsweise tiefgründig und dauerhaft erscheinen lässt. Denn jeden Menschen, der einem „nicht passt“, kann man hier sofort mit einem Extra-Button („Next“) wegklicken. Falls der andere einen nicht noch schneller von seinem Bildschirm fegt.

Es gilt die Parole: Her mit dem nächsten Gesicht! Das rücksichtslos rasche Aussortieren wird weidlich genutzt, oft genug im Sekundentakt. Wer psychisch auch nur ein wenig labil ist, könnte damit Probleme bekommen. Zumal sich da schadenfrohe Cliquen zum kollektiven Auslachen oder gestisch-verbalen Demütigen der Verletzlichen einfinden. Geile Partys! Diese Mobbing-Grüppchen kann man zwar ebenfalls wegzappen. Aber wer weiß, wie viel Kränkung da unterschwellig weiter wirkt. Unfrei nach Sartre: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Erbärmlicher noch. Man weiß ja zur Genüge, wie fies viele Internet-Ecken sind. Und doch hält man es nicht für möglich, wie viele Typen vor laufender Kamera Hand an sich legen. Grob geschätzt betätigt sich auf den Roulette-Seiten jeder zehnte Teilnehmer so. Männer sind ohnehin in erdrückender Mehrheit. Unter den wenigen Frauen im Chat dürfte es kaum eine geben, die nicht aufgefordert wird, sich zu entblößen. Um es mal ganz vornehm zu sagen. Das hier zwischen allen Nationen flottierende Englisch hat da eine hohe Ausdrucksvarianz aufzuweisen, und Vokabeln wie „boobs“ gehören entschieden zu den harmloseren.

Notorische Netzbewohner werden schon den Hauch kulturkritischer Nachfragen verschnarcht finden. Sei’s drum. Wenn man noch mit den Füßen in der wirklichen Welt steht, fragt man sich bang: Welche ohnehin grassierenden Haltungen werden da eingeübt? Beispielsweise ein schriller Wettstreit um die größtmögliche Aufmerksamkeit des Moments. Viele quälen sich damit ab. Sie glauben offenbar, gleichsam „Quote machen“ zu müssen wie ein Stand-up Comedian. Dem entspricht auf diabolische Art das gnadenlos sprungbereite Sofort-Urteil über Mitmenschen. Denkbar übrigens, dass hier abermals ein atavistisches Erbteil unserer Gattung („Fluchtreflex“ zwischen Steinzeit und Fußgängerzone) aktiviert wird.

Sicher: Zwischen all den Flüchtigkeiten im Menschenzoo sind wirklich herzwärmend nette Begegnungen möglich – mit Erdenbürgern, die man sonst niemals „getroffen“ hätte. Man erzählt einander von kleinen Freuden und Sorgen. Ein Japaner spielt dir einen Song auf seiner Gitarre vor, eine Schwedin ist zum Scherzen aufgelegt, eine freakige Amerikanerin stopft sich beim Plausch erst mal gemütlich „Gras“ ins Pfeifchen. Und so weiter. Auch ist so manches „Gesicht aus der Menge“ einfach sympathisch oder anrührend.

Vor allem aber: Wie viel trübe, betrübliche Einsamkeit da allenthalben umgetrieben wird! Wie sangen die Beatles: „All the lonely people – where do they all come from?“

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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