Gescheiterter Kraftkerl – „Tod eines Handlungsreisenden“ überzeugt in Dortmund

Tod eines Handlungsreisenden

Andreas Beck in der Titelrolle (rechts) und Uwe Rohbeck (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

„Tod eines Handlungsreisen“ – das klingt so schön abgehoben, so zeitlos; und der Reisende ist in Religion oder Literatur ja sowieso oft mit quasi mythologischer Aufladung unterwegs, ins Totenreich oder ins Paradies, seiner alten Liebe hinterher oder wohin auch immer. Und möglicherweise ist gar der Weg schon sein Ziel. Auch Arthur Miller wird Gedanken wie diese gehabt haben, als er seinen dramatischen Welterfolg so abgehoben betitelte.

Seit das Stück wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in New York uraufgeführt wurde, mußte es in der Folgezeit, da fraglos auch ein Spiegelbild aktueller gesellschaftlicher Verhältnisse, wieder und wieder die Vorlage für wohlfeile Reflexionen und Ausdeutungen amerikanisch-kapitalistischer Verhältnisse abgeben. Nicht nur Pennäler wissen davon ihr Klagelied zu singen. Und es stellt sich die Frage, ob man dieses ausgequetschte, fast zu Tode interpretierte Stück heute überhaupt noch guten Gewissens auf die Theaterbühne stellen kann. Sagen wir’s ruhig vorneweg: Doch, man kann, wie jetzt im Dortmunder Schauspiel zu sehen ist.

Vertreter Willy Loman, wir erinnern uns, ist mit seinen 63 Jahren ausgebrannt und erfolglos. Die Söhne Biff und Happy sind, wenngleich anscheinend begabt, nichts Ordentliches geworden, der Lebensabend im abgestotterten Häuschen ist unsicher. Größenphantasien, die Handelsvertetern offenbar in besonderem Maße eigen sind, weichen zunehmend der bedrückenden Erkenntnis des eigenen Versagens im Job und als Vater. Letztlich sieht Loman keinen anderen Ausweg mehr als den lebensversicherten Suizid.

Tod eines Handlungsreisenden

Familienaufstellung (von links): Linda Loman (Carolin Wirth), Willy Loman (Andreas Beck) und Biff Loman (Peer Oscar Musinowski). (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Viele Inszenierungen haben den Handelsvertreter als kleines, schwaches Männchen besetzt, dem die Last der Welt rein körperlich schon zu viel ist – Dustin Hoffman beispielsweise in Schlöndorffs Kinoinszenierung, ältere Fernsehzuschauer werden sich an Heinz Rühmann in dieser „Paraderolle“ erinnern.

In der Dortmunder Inszenierung von Liesbeth Coltof hingegen ist Andreas Beck der abgehalfterte Handelsvertreter, ein großer, schwerer Mann, ein Bühnenberserker, einer, der kämpft. Einer, der der Welt jederzeit zeigen könnte, wo der Hammer hängt, unfähig, unwillig zur Selbstkritik. Viele Jahre ging es gut so, hat der Mann seine persönlichen Defizite mit Professionalität und Power weggedrängt, hat seinen Söhnen gesagt, was gut für sie ist.

Natürlich hat er es gut gemeint mit ihnen, besonders mit Biff (Peer Oscar Musinowski). Nur geholfen hat das dem Jungen nicht, weder ist er ein erfolgreicher Fußballer geworden, noch hat er die entscheidende Mathe-Prüfung gepackt. Auch mit Mitte 30 hängt er noch zu Hause ab, findet keinen Job, der ihn interessiert, liegt dem Vater auf der Tasche.

Und wie Andreas Beck in dieser Dortmunder Inszenierung nun pendelt, switcht, oszilliert zwischen illusionsloser Wahrnehmung der grauen Wirklichkeit und grandiosen Phantasien, wie ein Häufchen Elend sich in kurzer Zeit zum Kraftkerl wandelt und gleich darauf in furchterregende Dissoziation treibt, wie er voll Liebe und Opferbereitschaft für seine Familie ist, ohne doch selber die Liebe annehmen zu können, die vor allem seine Frau Lina (Carolin Wirth) ihm schenken möchte – das ist grandios herausgespielt.

Tod eines Handlungsreisenden

Willy und Linda (Andreas Beck und Carolin Wirth) (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Regisseurin Coltof rückt die Beziehung zwischen Vater und Biff in den Vordergrund, macht sie gleichsam exemplarisch und demonstriert an ihr die kommunikativen, empathischen Defizite von Titelfigur und Familie. Dies weist als Interpretation doch erheblich über die schnell geäußerte „Kapitalismuskritik“ des Stoffs hinaus und reizt zu weiterer Befassung. So könnte man beispielsweise fragen, ob den Lomans therapeutische Hilfe guttäte, um in den Verhältnissen, wie sie eben sind, zu überleben.

Was ja nicht heißen muß, das die Verhältnisse gut wären. Guus van Geffen (Bühne) hat alles mit zum Teil verpackten Haushaltsgeräten vollgestellt, Kühlschränke, Waschmaschinen, Handelsware des Handlungsreisen, wie man vermuten könnte. Fraglos ist dies eins der ungemütlichsten Bühnenbilder seit langem. „Weiße Ware“ (so nennt die Branche Küchengeräte gern) ist wirklich Trost-los – besonders dann, wenn sie zum (Erwerbs-) Lebensinhalt geworden ist.

Den übergewichtigen Handlungsreisenden Willy Loman hat Carly Everaert (Kostüme) in einen etwas engen grauen Straßenanzug gesteckt, ansonsten bewegt man sich auf der Bühne vorwiegend in gewöhnlicher Alltagskleidung. Sebastian Graf gibt den etwas undurchsichtigen zweiten Sohn Happy, ist zudem noch Ekel-Chef Howard und Onkel Ben aus der Nachbarschaft. Auch der immer so fragil wirkende Uwe Rohbeck gibt den (älteren) Onkel Ben, ist Charley und Stanley. Die Inszenierung kommt mit fünf trefflich besetzten Darstellern aus.

Vor dem „Tod eines Handlungsreisenden“ inszenierte Liesbeth Coltof in Dortmund erfolgreich schon Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ und „Verbrennungen“ von Wajdi Mouawad, und jedes Mal war in ihrer Arbeit viel Respekt für Autoren und Stücke erkennbar, ohne deshalb in den Ruch der Altbackenheit zu kommen. Man kann Theater auch anders spielen, als sie es tut. Viele Regisseure reklamieren mehr gestalterischen Raum für sich selbst, und entscheidend ist, was hinten rauskommt. Auch in Dortmund. Doch wird gerade hier das Nebeneinander unterschiedlicher Auffassungen gepflegt, was die Arbeit des Schauspielhauses in seiner Gänze besonders interessant macht.

Für den „Handlungsreisenden“ gab es herzlichen Applaus.

Die nächsten Termine: 8., 23. November, 3., 19., 26., 28. Dezember

Infos: www.theaterdo.de

 

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